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Kleider, Kälber und ein Krautacker – Aufblühen der Wallfahrt und ein erster Rückschlag

Michael Glaß am 30.10.2019

2019-altoettinger-dioramenschau-aufbluehen-der-wallfahrt info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Darstellung in der Altöttinger Dioramenschau: Das dreidimensionales Großraumbild zeigt Altötting um 1510, die Wallfahrt blüht: Menschen von überall her bringen Opfergaben dar, die erweiterte und umgebaute Stiftskirche ist kurz vor ihrer Fertigstellung.

Es ist leider nicht genau überliefert, worüber sich die Altöttinger 1489 mehr wunderten: dass ein totes Kind auf Fürsprache Mariens wieder zum Leben erwachte, oder dass plötzlich Pilger von überall her Geschenke, besser gesagt Zeichen des Dankes, sogenannte Votivgaben brachten. Vielleicht hatten die Altöttinger aber auch gar nicht so viel Zeit, genauer über das Aufblühen der Wallfahrt nachzudenken – immerhin galt es bei all den Ereignissen ganz praktische Herausforderungen zu bewältigen.

Jesui­ten­pa­ter und Chro­nist Jaco­bus Irsing fass­te 1643 die Ereig­nis­se um 1489 fol­gen­der­ma­ßen zusam­men: Nach­dem Alten-Oettin­gen umb das Jahr 1489 durch die täg­lich zutra­gen­de wun­der­werck weit und breit berühmt zu wer­den ange­fan­gen, hat die wahl­fahrt der­ma­ßen zuge­nom­men, dass die män­ge des volcks die kir­chen nicht hat fas­sen mögen.”

Ziem­lich genau über­lie­fert ist aber die Fül­le und die Viel­fäl­tig­keit der Gaben, die Kapell­rech­nung von 1492 lis­tet auf: 7.346 Pfund 80 Pfen­nig Tafel­geld, 343 Pfund 5 Schil­ling 5 Pfen­nig Stock­geld, 1.720 Pfund Pfen­nig Wachs­geld, 1.966 Pfund Pfen­nig für etwa 324 Klei­der, Schlei­er und Pel­ze, 64 Stück Groß­vieh, dar­un­ter nicht weni­ger als 24 Pfer­de, 13 Stück Klein­vieh: Fül­len, Käl­ber, Wid­der, Läm­mer, Zie­gen, 59.860 Pfund Flachs, 3.698 Hüh­ner, Getrei­de im Wert von 50 Pfund 13 Pfen­nig, Schmalz, Käse und Eier, ver­kauft um 15 Pfund 3 Schil­ling 22 Pfen­nig – das mach­te dann also im Gan­zen: 12.375 Pfund Pfen­nig! Zum Ver­gleich: 3 Pfund 30 Pfen­nig kos­te­te damals ein Pferd,1 Pfund 7 Schil­ling eine Kuh. Und das alles muss­te auch noch kilo­me­ter­weit nach Alt­öt­ting trans­por­tiert werden.

Hauptsächlich das bäuerliche Volk spendete

2019-altoettinger-dioramenschau-aufbluehen-der-wallfahrt-ausschnitt3 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Altöttinger Dioramenschau: Ausschnitt zum Aufblühen der Wallfahrt Anfang des 16. Jahrhunderts. Hauptsächlich die bäuerliche Bevölkerung spendete.

Die Got­tes­mut­ter war den Men­schen damals viel wert. Haupt­säch­lich das bäu­er­li­che Volk spen­de­te – dies lässt sich an der Fül­le der Natu­ra­li­en erse­hen. Aber auch Bür­ger­tum und Adel gaben gern – Kapell­rech­nun­gen, Über­lie­fe­run­gen und Urkun­den bestä­ti­gen dies; dar­un­ter eine Schen­kungs­ur­kun­de der Wit­we Anna Wald­ne­rin, einer Neuöt­tin­ger Bür­ge­rin, aus dem Jahr 1492 für die kuni­gin junck­fra­wen Mue­ter Got­tes Marie zw All­t­nö­et­ting”: Mit Brief und Sie­gel ver­mach­te Wit­we Anna der Got­tes­mut­ter einen Kraut­a­cker im Burg­fried­der Stadt unter den wei­ten­gar­ten auf der mit­tern gwan­ten (altes Acker­maß, ca. ¾ Joch)”.

Was tun mit all den Gaben? Was wür­de die Mut­ter­got­tes damit anfan­gen? Es war nicht der mate­ri­el­le Wert der Gaben, der Maria beein­druckt haben dürf­te. Eher schon die Idee, mit all den Schät­zen die auf­wän­di­ge Erwei­te­rung der Stift­s­pfarr­kir­che (1499 und 1511) zu finan­zie­ren, damit die her­bei­strö­men­den Wall­fah­rer end­lich wie­der genü­gend Platz fin­den. Die­ses Got­tes­haus ist erbaut von dem Gotts­brat (Opfer­ga­ben) Uns­rer Frau und from­mer Leu­te Gab”, ver­kün­det eine Bau­ta­fel an der Ost­sei­te der Kir­che. Das wur­de auch Zeit”, mögen sich die Pil­ger aus Lands­hut gedacht haben – nach Berich­ten der Augen­zeu­gen Veit Arn­peck und Hanns Vet­ter, Lands­hu­ter Stadt­schrei­ber, sol­len elf Pries­ter und 1.500 Lai­en bereits 1493 betend und sin­gend den Trä­gern des Kreu­zes, wehen­den Fah­nen und einer 76 Pfund schwe­ren Opfer­ker­ze (nach Arn­peck) gefolgt sein.

Traurige Anekdote am Rande

2019-altoettinger-dioramenschau-aufbluehen-der-wallfahrt-ausschnitt5 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Altöttinger Dioramenschau: Ausschnitt der Darstellung zum Aufblühen der Wallfahrt um 1510.

Auch der Nut­zung von Schatz­kam­mern dürf­te Maria ein­ge­wil­ligt haben – zunächst wohl ein Turm der Stadt Neuöt­ting, um 1517 dann fünf mäch­ti­ge, mit drei bis fünf ver­schie­de­nen Schlös­sern gesi­cher­te Eichen­tru­hen in einem Gewöl­be der Props­tei, schließ­lich ein mit star­ken Fens­ter­git­tern ver­se­he­ner Anbau nörd­lich der Stifts­kir­che. Doch all die Sicher­heits­maß­nah­men hal­fen nichts: Den Kapell­schatz ver­wen­de­te Her­zog Georg der Rei­che zur Finan­zie­rung des soge­nann­ten Lands­hu­ter Erb­fol­ge­kriegs 1504/05 – mit ver­hee­ren­den Fol­gen für die Bevöl­ke­rung. Dass 1505 Feld­haupt­mann Jörg Wis­beck Unse­rer Lie­ben Frau Streitross und Waf­fen als Wei­he­ga­be für erhal­te­ne Hil­fe dar­ge­bracht haben soll, erscheint da nur als eine trau­ri­ge Anek­do­te am Rande.

Der Kapell­schatz soll­te nach dem Krieg wie­der auf­ge­füllt wer­den, die mate­ri­el­len Güter sind ersetz­bar. Der ideel­le Wert von Wall­fahrt und Wei­he­ga­ben jedoch ist durch nichts zu erset­zen. Gera­de der Glau­be und die Hoff­nung der Men­schen auf die Für­spra­che Mari­ens soll­ten in den Fol­ge­jah­ren in sei­nen Fun­da­men­ten erschüt­tert werden.

Text: Micha­el Glaß