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In der ewigen Ruhe erklingt die Antwort – Altötting während Reformation und Glaubensspaltung

Michael Glaß am 30.10.2019

2019-altoettinger-dioramenschau-reformation1 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Altöttinger Dioramenschau: Nachtbild zu Altötting um 1530 im Zeitalter der Reformation.

Alle wünschen sich Frieden, doch wer hat Ohren für die Stille? Nur wer die Stille bemerkt, hört die vertraute Melodie des Alltags – wie sie erklingt, wie sie die Menschen leise improvisieren. Unbekannte Klänge mischen sich unter die vertrauten. Viele Melodien, wenig Ruhe im Konzert vieler Musiker. Dann kommt der Moment, da übernehmen diejenigen die Instrumente, die am lautesten schreien.

Der Kapell­wäch­ter mag die Anzei­chen nicht bemerkt haben, viel­leicht ging er aber ein­fach nur sei­ner Pflicht nach – in Rein­hold Zell­ners Groß­raum­bild (Diora­ma), dem Nacht­bild zu Alt­öt­ting um 1530 im Zeit­al­ter der Refor­ma­ti­on” jeden­falls liegt er in sei­nem eige­nen Blut, nie­der­ge­schla­gen von Fana­ti­kern. Schon ein­mal hat­te die Wall­fahrt nach Alt­öt­ting einen Ein­bruch erlebt. Die­ses Mal aber ging die Erschüt­te­rung tief. Sehr fins­ter hat sich der Künst­ler die Epo­che zwi­schen etwa 1520 und 1575 aus­ge­malt, nicht grund­los, wie ver­schie­de­ne his­to­ri­sche Quel­len bele­gen. Eife­rer sol­len Bür­ger auf­ge­hetzt, Wall­fah­rer ver­spot­tet, sogar töd­lich miss­han­delt haben. Zwar blieb der katho­li­sche Glau­be gera­de in Bay­ern tief ver­wur­zelt, doch die Refor­ma­ti­on und ihre Aus­wir­kun­gen gin­gen auch hier nicht spur­los vor­über; man­che maria­ni­sche Wall­fahrt wie die zur Schö­nen Maria” in Regens­burg feg­te der Sturm der Glau­bens­spal­tung hin­weg. Auch die Wall­fahrt nach Alt­öt­ting litt, laut Jesui­ten­pa­terund Chro­nist Jaco­bus Irsing schien “(…) die andacht nacher Alte­nOet­ting erkal­tet und (als habe) der gna­den­brun­nen der gütt­li­chen wol- und wun­dert­ha­ten zu flie­sen aufgehört.”

Kein einzelnes Ereignis, sondern ein Prozess

Altöttinger Dioramenschau: Die Darstellung zur Zeit der Glaubensspaltung und der Reformation zeigt zwei Raufende vor der Altöttinger Gnadenkapelle.

Stil­le. Regungs­los liegt der Kör­per des Wäch­ters im Umgang der Kapel­le. Eine Fackel hat ein Loch in das Dach des Umgangs gebrannt. Nur kurz lugt der Mond aus den dunk­len Nacht­wol­ken, um die freud­lo­se Sze­ne vor der Kapel­le zu beleuch­ten: Ein an einer Lin­de fest­ge­bun­de­ner Bau­er wird mit Eiern bewor­fen, die sei­ne Frau noch unter ihrer Schür­ze ver­ste­cken wollte.

War­um? Wel­ches Ereig­nis ist groß genug, um das Kon­zert des All­tags so fun­da­men­tal zu stö­ren? Kein ein­zel­nes. Die vie­len Begrif­fe aus der Geschichts­wis­sen­schaft rund um das enden­de Spät­mit­tel­al­ter” (12001500) und die begin­nen­de Frü­he Neu­zeit” (15001800) wie Renais­sance, Huma­nis­mus, Refor­ma­ti­on, etc. deu­ten bereits an, dass hier kein ein­zel­nes Ereig­nis, son­dern ein Pro­zess statt­ge­fun­den hat – ein ziem­lich lan­ger: Die Fixie­rung der Epo­chen­gren­ze mit zeit­li­chen Rah­men­da­ten – der Fall Kon­stan­ti­no­pels 1453, die Erfin­dung des Buch­drucks um 1440/1450, die Ent­de­ckung Ame­ri­kas 1493 – klingt noch recht ein­leuch­tend: alles zeit­na­he, und vor allem: ein­schnei­den­de Ereig­nis­se. Der Epo­chen­be­griff Neu­zeit” ver­liert aber schon an Gewicht, wenn man bedenkt, dass ihn bereits Huma­nis­ten” ver­wen­de­ten – Gelehr­te, die in der zwei­ten Hälf­te des 14. Jahr­hun­derts in Ita­li­en den Wert anti­ker Kunst und Phi­lo­so­phie wie­der­ent­deck­ten. Streng genom­men lös­te erst die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on im Jahr 1789 die feu­da­le Gesell­schafts­struk­tur auf, wäh­rend die Hin­wen­dung zur indi­vi­du­el­len, per­sön­li­chen Reli­gio­si­tät wie­der­um schon im 14. Jahr­hun­dert begann – der kir­chen­treue Ger­hard Groo­te (13401384) und die Bewe­gung Devo­tio moder­na” such­ten lie­ber aus der stil­len Betrach­tung der Lei­den Chris­ti Kraft zu schöp­fen, weni­ger aus der fei­er­li­chen Lit­ur­gie; schwer­wie­gen­der für die katho­li­sche Kir­che und ihre Theo­lo­gie wirk­te der Nomi­na­lis­mus” Wil­helm von Ock­hams (12901349): nicht allein die Kir­che brin­ge Heil, son­dern nur die eige­ne, bedin­gungs­lo­se Hin­ga­be an Gott, lehr­te er; auch die Bibel­be­we­gung gab es lan­ge vor Mar­tin Luther (14831576) – Letz­te­rer soll­te spä­ter all die vie­len Ele­men­te auf­grei­fen und zu einer eige­nen Theo­lo­gie zusammenfügen.

Altöttinger Dioramenschau: Darstellung zur Zeit der Reformation und Glaubensspaltung. Eine Fackel hat ein Loch in das Dach des Kapellumgangs gebrannt.

Fest­zu­stel­len bleibt: Epo­cha­le Gren­zen las­sen sich nicht so ein­fach fest­le­gen, Ver­än­de­run­gen nicht datie­ren. In aller Stil­le war­te­ten die Ver­än­de­run­gen nur auf einen Aus­lö­ser, um ins Bewusst­sein zu drin­gen. Selbst Mar­tin Luther woll­te anfangs kei­ne neue Kir­che schaf­fen; er pran­ger­te – ent­ge­gen der Über­lie­fe­rung – nicht öffent­lich, son­dern kir­chen­in­tern die Ablass­prak­ti­ken der Kir­che an und wan­del­te sich erst im Lau­fe der Jah­re mehr und mehr vom Refor­mer zum Reformator.

"kirchfahrtern" kein "böß exempl" geben

Altöttinger Dioramenschau: Darstellung der Zeit der Reformation und Glaubensspaltung. Vor der Gnadenkapelle bewirft ein Mann einen festgebundenen Bauern mit Eiern.

Und Alt­öt­ting? Nicht gleich wand­ten sich die Refor­ma­to­ren gegen die Mari­en­ver­eh­rung, zu tief war und ist sie in der Bevöl­ke­rung ver­an­kert. Fromm waren die Men­schen um 1500 all­ge­mein, Got­tes­diens­te waren gut besucht, rege nah­men die Men­schen an kirch­li­chen Fes­ten teil – vom hei­li­gen Kle­mens Maria Hof­bau­er (17511820) stammt die The­se, dass die Refor­ma­ti­on gekom­men sei, weil die Deut­schen das Bedürf­nis hat­ten und haben, fromm zu sein”. Die vie­len Miss­stän­de im Kle­rus schreck­ten dann eben auch den Pil­ger ab, der kilo­me­ter­weit Votiv­ga­ben nach Alt­öt­ting gebracht hat­te. Der Befehl Her­zog Wil­helms IV. (14931550) in der Stifts- und Kapell­ord­nung für Alt­öt­ting im Jahr 1517 an Unser dechant und all ande­re chor­herrn und caplän” zu einem zich­ti­gen wan­del”, um kirch­fahr­tern” kein böß exempl” zu geben, kam dann aber schon zu spät. Die Ver­qui­ckung von Adel und Kir­che spiel­te den Refor­ma­to­ren in die Hände.

Wenn in Alt­öt­ting und Burg­hau­sen u.a. ein aus­ge­tre­te­ner Mönch namens Mat­thi­as Sei­den­at­ter mit Büch­se und Sei­ten­ge­wehr bewaff­net das Land­volk für die Refor­ma­ti­on begeis­tern konn­te, dann auch, weil dem Adel die Ver­ar­mung der Bau­ern auf­grund stei­gen­der Abga­be­las­ten gleich­gül­tig zu sein schien. Der Bau­ern­auf­stand (152426) kün­dig­te sich an. Lan­ge waren sie still, die Bau­ern, nun wehr­ten sie sich.

Wie wirk­ten unter die­sen Umstän­den die pro­vo­kan­ten Fra­gen der Refor­ma­to­ren auf Bau­ern, die zu den treu­es­ten Pil­gern zähl­ten? Wozu beich­ten, wenn nur Got­tes Gna­de zählt und nicht das Sakra­ment? Wozu gemein­sam pil­gern, wenn jeder für sich selbst beten kann? War­um zu Maria beten, wenn nur die hl. Schrift zählt, die jeder für sich stu­die­ren kann?” Die Fra­gen hall­ten noch lan­ge nach, sie hall­ten u.a. in den Köp­fen der Men­schen, als der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg (16181648) begann. Auch heu­te noch – 500 Jah­re danach – zer­bre­chen sich christ­li­che Theo­lo­gen den Kopf dar­über, wie man gemein­sam öku­me­ni­sche Got­tes­diens­te fei­ern kann.

Nach dem Tode ...

Altöttinger Dioramenschau: Darstellung der Zeit der Reformation und Glaubensspaltung. Der Kapellwächter liegt in seinem eigenen Blut.

Der Kapell­wäch­ter in Zell­ners Bild hat­te nach der Aus­ein­an­der­set­zung kei­ne Zeit mehr dar­über nach­zu­den­ken, wer nun Recht hat – die Leh­re Luthers oder die katho­li­sche Leh­re. Über einen zen­tra­len Punkt gibt es wenigs­tens kei­nen Streit zwi­schen den christ­li­chen Kon­fes­sio­nen: Nach dem Tode tritt der Mensch sei­nem Schöp­fer gegen­über und ver­weilt – in der ewi­gen Ruhe.

Dies­seits der ewi­gen Ruhe tobt das Leben, mar­schie­ren auch die Pil­ger. Die Wall­fahrt nach Alt­öt­ting jeden­falls ist noch lan­ge nicht zur Ruhe gekom­men. Ein Kur­fürst, Maxi­mi­li­an I., sorg­te für den nächs­ten gro­ßen Aufschwung.

Text: Micha­el Glaß