Der "Bote" 1905 bis 1914 – "Und die Stimmen all der Erde ..."

Michael Glaß am 04.02.2020

2020 125 jahre aoelfb titel 9mai1909 info-icon-20px Foto: Altöttinger Liebfrauenbote
Altöttinger Liebfrauenbote, Titel, Kopf, 9. Mai 1909: Flankiert vom Feldherrn Tilly (links) und vom Silberprinzen – der 1737 von Kurfürst Karl Albrecht gestifteten Figur in der Gnadenkapelle – begrüßt die "Schwarze Madonna" mit Kind die Leser.

Flankiert vom Feldherrn Tilly (links) und vom Silberprinzen – der 1737 von Kurfürst Karl Albrecht gestifteten Figur in der Gnadenkapelle – begrüßt die "Schwarze Madonna" mit Kind die Leser auf dem Titel der "Boten"-Ausgabe vom 1. Mai 1910. Gleich darunter eine Aufnahme der Münchner Mariensäule mit der "Patrona Bavariae" und ein Mariengedicht. Doch so friedlich und harmonisch wie auf diesem Titel waren die Ausgaben der Jahre 1905-1914 nicht immer ...

2020 125 jahre aoelfb titel und gedicht 1mai1910 info-icon-20px Foto: Altöttinger Liebfrauenbote
Der Titel der Ausgabe vom 1. Mai 1910 mit Foto und Mariengedicht.

Manch einer denkt nun viel­leicht an die Mari­en­sei­te”, die seit lan­gem auf Sei­te 24 des Boten” ihren fes­ten Platz hat. Bereits im ers­ten Rück­blick ließ sich fest­stel­len, dass sich das Pro­fil der Zei­tung in all den Jah­ren kaum ver­än­dert hat. “(…) Und die Stim­men all der Erde, eini­gen sich zum Kon­zer­te: Ave Maria! (…) Und sowie die Wel­ten krei­sen, kling­t’s und sing­t’s in fro­hen Wei­sen: Ave Maria!”, heißt es in dem Gedicht, das zeit­los ist und so auch heu­te auf der Mari­en­sei­te” ste­hen könnte.

2020 125 jahre aoelfb schutzmantelmadonna titel 20sept1914 info-icon-20px Foto: Altöttinger Liebfrauenbote
Ein Bild der Schutzmantelmadonna am Eingang der Gnadenkapelle in der Ausgabe vom 20. September 1914.

Ein Bild der Schutz­man­tel­m­a­don­na am Ein­gang der Gna­den­ka­pel­le zeig­te die Boten”-Ausgabe vom 20. Sep­tem­ber 1914. Dass die Men­schen zu Beginn des I. Welt­kriegs (19141918) Schutz such­ten, ist ver­ständ­lich. Im Boten” jener Zeit waren aber auch ganz ande­re Töne zu hören (sie­he Text unten). Beein­flusst von der Kriegs­eu­pho­rie kurz nach Aus­bruch des I. Welt­krie­ges, ließ sich auch der Bote” zu schril­len Durch­hal­te­pa­ro­len hin­rei­ßen: Der Krieg sei eine gro­ße hei­li­ge Sache, für die Ihr lei­det”, schrieb die Zei­tung in die­ser Aus­ga­be etwa an die Müt­ter und Ehe­frau­en. Dass dies die Got­tes­mut­ter genau­so sah, darf getrost bezwei­felt werden …

Gehörig im Ton vergriffen

Doch lei­der klin­gen die Stim­men der Erde” sel­ten har­mo­nisch und auch der Bote” hat sich im Lau­fe sei­ner Geschich­te auch schon gehö­rig im Ton ver­grif­fen – so z.B. im Gedicht Auf dem Fel­de der Ehre”, erschie­nen am 27. Sep­tem­ber 1914: Lieb Vater­land, hur­ra, / Die Eisen­zeit ist da! / Ge’n Hin­ter­list und Nie­der­tracht / Zieh’n aus wir zur Ent­schei­dungs­schlacht. / Die Eisen­zeit ist da, / Lieb Vater­land, hur­ra! (…)”. Recht schmerz­haft für die Ohren unse­rer Zeit klingt auch eine Ode an einen sehr bekann­ten Gene­ral­feld­mar­schall des I. Welt­kriegs in der Weih­nachts­aus­ga­be 1914 – “(…) Alles jubelt Dir ent­ge­gen: Heil Dir, Hin­den­burg, hurrah!”.

Nun klingt man­ches fremd, was frü­her ein­mal ver­brei­tet und ver­traut war, und es ist hier­bei immer schwie­rig, in der Rück­schau und in dem Wis­sen um den Aus­gang der Geschich­te ein gerech­tes Urteil zu fäl­len. Objek­tiv lässt sich jedoch fest­stel­len: Die all­ge­mei­ne Kriegs­eu­pho­rie in den ers­ten Mona­ten des I. Welt­kriegs (19141918) hat­te auch den Boten”-Redakteur erfasst: Mit Freu­de und Begeis­te­rung rei­chen wir unse­ren Nach­barn in Öster­reich die Hand”, schrieb er kurz nach Aus­bruch des Krie­ges in der Aus­ga­be vom 2. August 1914. Und die­se Eupho­rie hat­te kei­nen guten Ein­fluss auf deren Urteils­kraft: Gott wird uns hel­fen! Denn die­ser Krieg ist ein gerech­ter.” Ganz klar: Hier lag der Bote” weit daneben.

Heu­te weiß man: Mit einer völ­lig ver­fehl­ten Bünd­nis­po­li­tik und der bedin­gungs­lo­sen Unter­stüt­zung Öster­reichs hat­te sich das Deut­sche Reich aller Ein­fluss­mög­lich­kei­ten beraubt, inklu­si­ve der, den Krieg zu ver­hin­dern. Auch der Bote” ver­kann­te die Gefahr, erst recht die ver­hee­ren­den Fol­gen die­ses Krieges.

2020 125 jahre aoelfb oesterreicher in altoetting 17mai1908 info-icon-20px Foto: Altöttinger Liebfrauenbote
"Unsere österreichischen Stammesbrüder in Altötting", titelte unsere Zeitung in großen Lettern am 17. Mai 1908. Auf dem Foto sind unten (von links) zu sehen: Der Apostolische Visitator von Österreich und Apostolische Nuntius von Bayern, Kardinal Andreas Franz Frühwirth, der Erzbischof von Salzburg, Kardinal Johannes Baptist Katschthaler, und der Bischof von Passau, Sigismund Felix Freiherr von Ow-Felldorf.

Nun ist jedoch auch der Redak­teur nur ein Kind sei­ner Zeit, der bei all den Tönen den rech­ten immer erst suchen muss. Der Bote” jener Jah­re ori­en­tier­te sich jeden­falls sehr deut­lich an der Stim­me von Papst Pius X. in Rom – und an dem Kon­zert” der Mon­ar­chie, wenn­gleich ihm dabei die Stim­me aus dem Hau­se Habs­burg in Öster­reich-Ungarn weit­aus näher war, als die des deut­schen Kai­sers und pro­tes­tan­ti­schen Königs von Preu­ßen, Wil­helm II. Es kann uns als Bay­ern und Katho­li­ken nur freu­en, dass die Bezie­hun­gen zwi­schen dem Deut­schen Reich und dem uns stamm­ver­wand­ten katho­li­schen Öster­reich jetzt so gute und herz­li­che sind (…)”, kom­men­tier­te der Bote” am 9. Mai 1909 einen Besuch Kai­ser Wil­helms II. in Wien.

Lan­ge Berich­te wid­me­te der Bote” in den Aus­ga­ben im Mai 1908 den Fei­er­lich­kei­ten zum 50-jäh­ri­gen Pries­ter­ju­bi­lä­um von Papst Pius X. in Alt­öt­ting, als nicht nur vie­le Pil­ger aus Bay­ern und der Pas­sau­er Diö­ze­san­bi­schof, son­dern auch der Apos­to­li­sche Nun­ti­us sowie vie­le Pil­ger aus Öster­reich und der Bischof des Erz­bis­tums Salz­burg den Wall­fahrts­ort besuch­ten. Unse­re öster­rei­chi­schen Stam­mes­brü­der in Alt­öt­ting”, titel­te unse­re Zei­tung in gro­ßen Let­tern am 17. Mai 1908.

Ähn­lich wie der Papst in Rom, wand­te sich auch der Bote” gegen libe­ra­le Kräf­te im Land”. Scho­ckiert nahm die Zei­tung die 1905 besie­gel­te Tren­nung von Kir­che und Staat in Frank­reich zur Kennt­nis: Das soge­nann­te katho­li­sche Frank­reich hat sich sei­ne Metz­ger selbst gewählt (…)”, kom­men­tier­te unse­re Zei­tung am14. Mai 1905.

Predigten, Reiseberichte, Buntes und Wallfahrt

2020 125 jahre aoelfb erler passion april mai1912
Altöttinger Liebfrauenbote, Erlernte Passion, Mai 1912.
2020 125 jahre aoelfb erler passion jesus darsteller april mai 1912
Altöttinger Liebfrauenbote, Erlernte Passion, Mai 1912.
2020 125 jahre aoelfb grundsteinlegung basilika august1910
Altöttinger Liebfrauenbote, Grundsteinlegung der Basilika St. Anna in Altötting, August 1910.
2020 125 jahre aoelfb kirchweih basilika 13okt1912
Altöttinger Liebfrauenbote, Kirchweihtag Basilika St. Anna Altötting, Oktober 1912.

Sel­ten zei­gen die Aus­ga­ben von 1905 bis 1914 Foto­gra­fi­en. Die­se waren beson­de­ren Momen­ten, bzw. Anläs­sen vor­be­hal­ten, wie etwa zu Berich­ten über die Pas­si­ons­spie­le in Erl 1912 (auf den Bil­dern sind u.a. die Dar­stel­le­rin der Got­tes­mut­ter und der Dar­stel­ler von Jesus zu sehen, als er im Spiel zwei Kin­der seg­net) oder über die Grund­stein­le­gung, den Bau und die Wei­he der St. Anna Basi­li­ka in Alt­öt­ting 1910 – 1912.

In Deutsch­land selbst tob­te nach wie vor der Kampf um den rech­ten Glau­ben”: Dass der Bote” in sei­ner Aus­ga­be vom 7. Mai 1911 den Pro­tes­tan­ten ein Mut­ter­heim­weh nach der Mari­en­ver­eh­rung” attes­tier­te und – in einer klei­nen Serie in meh­re­ren Aus­ga­ben – einen Lie­der­kranz von pro­tes­tan­ti­schen Dich­tern zu Ehren der Him­mels­kö­ni­gin” ver­öf­fent­lich­te, ist denn auch eher als klei­ner Sei­ten­hieb denn als Bei­trag zur Öku­me­ne zu verstehen.

Die öku­me­ni­sche Bewe­gung steck­te damals noch in den Kin­der­schu­hen. Nicht dis­ku­tie­ren, son­dern bekeh­ren, war das Cre­do jener Jah­re, das auch den Boten” zu der Pro­gno­se ver­an­lass­te, jeden bibel­fes­ten Pro­tes­tan­ten guten Wil­lens im Punk­te der Mari­en­ver­eh­rung auf unse­re Sei­te her­über­zie­hen” zu kön­nen. Heu­te wis­sen wir, dass dies nicht ganz so ein­fach ist, den­noch lesen sich die Erwä­gun­gen über die Mari­en­ver­eh­rung” in den Aus­ga­ben im Mai 1905 als eine Anlei­tung, die auch heu­te dien­lich sein kann. So wird die­je­ni­ge geehrt, die auch der König des Him­mels geehrt hat”, heißt es dort etwa mit Ver­weis auf das Evan­ge­li­um Lk 1,28. Klar dif­fe­ren­zier­te der Bote” zwi­schen Ver­eh­rung und Anbe­tung, und er warn­te auch vor Miss­bräu­chen, ins­be­son­de­re vor den Über­trei­bun­gen über­schwäng­li­cher Frommer”.

Der­ar­ti­ge Erwä­gun­gen sowie die tra­di­tio­nel­len Pre­dig­ten und geist­li­chen Impul­se zu den Sonn­tags­le­sun­gen fan­den sich natür­lich auch in den Aus­ga­ben zwi­schen 1905 und 1914. Hin­zu kamen Por­traits von Hei­li­gen, Erzäh­lun­gen, Rat­ge­ber, Berich­te wie etwa einen über eine Wall­fahrt Alt­öt­ting-Rom, wei­te­re Rei­se­be­rich­te, die vor allem für ein­fa­che Bau­ers­leut’, die nicht viel her­um­ka­men, inter­es­sant gewe­sen sein dürf­ten. Dann natür­lich Nach­rich­ten aus aller Welt und vie­le bun­te Mel­dun­gen, die nicht sel­ten einen iro­ni­schen Unter­ton hat­ten. Nett ist etwa eine Mel­dung im Mai 1908 über zwei Die­be, die einen Musik­au­to­ma­ten in einer Münch­ner Wirt­schaft auf­spren­gen woll­ten, die­sen aber ver­se­hent­lich akti­vier­ten: Es braust ein Ruf wie Don­ner­hall”, schmet­ter­te es dem­nach durch den Raum, und die Die­be lie­fen schnur­stracks in die Arme daher­kom­men­der Schutz­leu­te, die sie lie­be­voll wie Engel nach Num­mer Sicher brachten”.

In Alt­öt­ting selbst war natür­lich die Wall­fahrt wich­tig, deren Zahl gera­de um die Jahr­hun­dert­wen­de stark anstieg. Der Bote” berich­te­te und schuf mit Unter­stüt­zung der Pil­ger einen Wall­fahrts­an­zei­ger” für die Leser. Als Sym­bol der anstei­gen­den Wall­fahrt gilt nicht zuletzt die Errich­tung der St. Anna-Basi­li­ka 1910-12, über die unse­re Zei­tung aus­führ­lich berich­te­te. Papst Pius X. erhob die­se 1913 zur Päpst­li­chen Basi­li­ka” (Basi­li­ka minor).

"Der Kirche Reich ist allgemein"

2020 125 jahre aoelfb papst benedikt XV 20sept1914 info-icon-20px Foto: Altöttinger Liebfrauenbote
Der "Bote" stellte im September 1914 den frisch gewählten Papst Benedikt XV. vor.

Papst Pius X. starb übri­gens am 20. August 1914. Ein Ereig­nis, das die schril­len Kriegs­tö­ne in die­ser Zeit in den Hin­ter­grund dräng­te. Nach­fol­ger Bene­dikt XV. ging als Frie­dens­papst” in die Geschich­te ein. In sei­nem Mahn­schrei­ben All­or­ché fum­mo chia­ma­ti” vom 28. Juli 1915 rief er die Natio­nen dazu auf, die­sem ent­setz­li­chen Blut­bad, das seit einem Jahr Euro­pa ent­ehrt, ein Ende zu machen”. Ganz ande­re Töne als im Boten” im letz­ten Halb­jahr 1914.

Dass es der Bote” bes­ser kann, bewies er, als er sei­nen Bericht über die Fei­er­lich­kei­ten zum Pries­ter­ju­bi­lä­um Papst Pius X. 1908 mit fol­gen­den Zei­len schloss: Was ist der Kir­che Vater­land? / Ist’s deut­sche Land, ist’s Schwe­den­land, / Ist’s wo das Zaren­reich sich dehnt, / Ist’s wo Lawi­nen­sturz erdröhnt? / O nein nein nein! / Ihr Vater­land muss grö­ßer sein. // Was ist der Kir­che Vater­land? / So nen­ne end­lich mir das Land! / Wo seg­nend sich das Kreuz erhebt / Und Jesus in den Her­zen lebt, / Da muss es sein, / Der Kir­che Reich ist all­ge­mein. // Der Erd­kreis ist ihr Vater­land, / Doch nein, ihr wah­res Hei­mat­land / Ist, wo in hei­li­ger Majes­tät / Maria bei dem Soh­ne steht”. / Dort muss es sein! / O Gott, da füh­re uns hinein!”

Text: Micha­el Glaß