An einem Herbsttag im Hungerjahr 1817 – Altötting zwischen Aufklärung, Säkularisation und katholischer Erneuerung

Michael Glaß am 30.10.2019

Altöttinger Dioramenschau: Ausschnitt aus dem Schaubild "Wallfahrt und Aufklärung". Das Bild zeigt Altötting-Pilger, die auf eine aufgeklärte Jagdgesellschaft treffen.

Hätten die Pilger nicht so laut gebetet und gesungen, die feinen Damen und Herren hätten sie womöglich gar nicht bemerkt. Märchenhaft, der Herbsttag im Hungerjahr 1817 – ein Tag, um alles um sich herum zu vergessen, ein Tag, den man für sich haben mag.

Die feuch­te Herbst­luft glit­zert im Licht der Son­ne, erfrischt die Lun­ge und weckt den Geist. Mit jedem Atem­zug ent­fal­tet sich der Duft von Grä­sern, Moos und Laub, schleicht for­dernd in den Gau­men. Ein per­fek­ter Tag für die Jagd. Die fei­ne Gesell­schaft (links) im Diora­men­bild von Rein­hold Zell­ner jeden­falls hat sich ein idyl­li­sches Fleck­chen Erde aus­ge­sucht, um die erfolg­rei­che Hatz auf Hirsch und Wild­schwein im Holz­land mit einem Gläs­chen Wein zu begie­ßen. Die Son­ne strahlt ihr Licht auf einen Bal­da­chin aus Blät­tern und lässt sie bunt leuch­ten – in oran­ge und wein­rot, gelb­grün und gold­braun. Ein Platz zum Ver­wei­len, den Blick auf das idyl­li­sche Pan­ora­ma unter der Anhö­he gerich­tet, auf das Inn­tal und auf die Alpen am Horizont.

Die Mili­tär-Patrouil­le (Bild­mit­te), die da unten am Win­hö­rin­ger Jagd­schloss vor­bei mar­schiert – sie weckt zwar böse Erin­ne­run­gen an die letz­ten Jah­re, an die Koali­ti­ons­krie­ge zwi­schen 1792 und 1815 zwi­schen Frank­reich und sei­nen euro­päi­schen Geg­nern – doch die Sol­da­ten tun ja nur ihre Pflicht. Aber müs­sen denn aus­ge­rech­net jetzt die­se Pil­ger auf­tau­chen? Anstatt die schö­ne Aus­sicht zu genie­ßen, fal­len sie auf die Knie – nur weil sie von der Fer­ne das klei­ne Alt­öt­ting erkannt haben. Wie kommt ihr über­haupt hier­her?” Es herrscht Hun­ger über­all im Land. Der Krieg hat vie­le Arbei­ter genom­men. Was der Krieg von der Ern­te ließ, das ver­nich­te­te das kal­te Früh­jahr. Habt ihr denn nichts Bes­se­res zu tun?”

"Wenn Sie, mein trauter Stadtphilosoph ..."

2019-altoettinger-dioramenschau-zeitalter-der-aufklaerung2 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Altöttinger Dioramenschau: Ausschnitt aus dem Schaubild "Wallfahrt und Aufklärung". Das Bild zeigt Altötting-Pilger, die auf eine aufgeklärte Jagdgesellschaft treffen.

Es trifft sich, dass aus­ge­rech­net ein auf­ge­klär­ter” Pro­fes­sor, ein His­to­ri­ker und Schrift­stel­ler, Lorenz von Wes­ten­rie­der (17481829), den Pil­gern in sei­ner Beschrei­bung einer Wall­fahrt nach Alt­öt­ting zur Sei­te springt: Wenn Sie, mein trau­ter Stadt­phi­lo­soph auf Ihre Land­part­hi­en, auf Ihre Bader­eisen im Som­mer, auf Ihr Fuchs­klop­fen im Herbst, auf Ihre Schau­spie­le, Dine­en und Sou­peen sich freu­en, (…): dar­um soll der Land­mann, (…), nicht auch die Erlaub­niß haben, sich auf (eine) Wall­fahrt zu freuen?”

Wes­ten­rie­der, der Geschich­te vor allem aus der Per­spek­ti­ve des Vol­kes erforsch­te – er kann­te die Bedürf­nis­se der ein­fa­chen Leu­te. Er wuss­te auch, dass das Pil­gern eben gera­de in Zei­ten der Not Tra­di­ti­on hat. Die Pil­ger kamen, als Kur­fürst Max Ema­nu­el gegen die Tür­ken zu Fel­de zog und auch nach dem spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg (17011714) – fein säu­ber­lich lis­te­ten die Alt­öt­tin­ger Kapell­ver­wal­ter in ihren Almo­sen­bü­chern 1715 die “(…) under die alhe­ro kho­men­te Pil­ger, arme Kirch­fahr­ter und ande­re arme Per­soh­nen aus­ge­thail­ten All­mo­sen” auf. Auch wäh­rend des Öster­rei­chi­schen Erb­fol­ge­kriegs (17401748) hielt das Mira­kel­buch der Zeit aus­drück­lich fest, dass vill (…) in die­sen Lan­den zu Bay­ern (…) wun­der­sa­me Bewah­rung erfle­het und genos­sen” – auch wenn kaum jemand dazu in der Lage war, Gaben zu brin­gen. Die Kapell­ver­wal­tung befand sich in finan­zi­el­len Nöten, 1745 muss­te sie Kur­fürst Max III. Joseph um Erlaub­nis bit­ten, Schatz­stü­cke zu ver­äu­ßern, um ihren Beam­ten den Sold aus­zah­len zu können.

Altöttinger Dioramenschau: Ausschnitt aus dem Schaubild "Wallfahrt und Aufklärung". Das Bild zeigt Altötting-Pilger, die auf eine aufgeklärte Jagdgesellschaft treffen.

Eine viel schwe­re­re Bewäh­rungs­pro­be aber hat­te die Wall­fahrts­stadt Alt­öt­ting in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts zu bestehen: Nicht äuße­re, finan­zi­el­le Nöte, son­dern grund­sätz­li­che Kri­tik an der Wall­fahrt belas­te­ten Alt­öt­ting im Zeit­al­ter der Auf­klä­rung”. Der Staat mahn­te unter ande­rem: Das lan­ge Gehen, vor allem bei Son­nen­hit­ze, schwächt die Gesund­heit der bäu­er­li­chen Bevöl­ke­rung und gibt ihr, beson­ders wenn die Wall­fahr­ten an Werk­ta­gen durch­ge­führt wer­den, zu wenig Zeit für die Feld­ar­beit, beein­träch­tigt also das Inter­es­se des Staa­tes.” Auch manch Land­pfar­rer beschwer­te sich, daß die Wall­fahr­ten das nöthi­ge Zutrau­en der Pfarr­kin­der gegen ihren Pfar­rer mäch­tig schwä­chen, und sogar eine gewis­se Art von Gleich­gül­tig­keit gegen die Pfarr­kir­che hervorbringen (…)”.

Die Aufklärung hat "ihr" Zeitalter nie vollends beherrscht

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ltöttinger Dioramenschau: Ausschnitt aus dem Schaubild "Wallfahrt und Aufklärung". Das Bild zeigt Altötting-Pilger, die auf eine aufgeklärte Jagdgesellschaft treffen. Im Bild ein Teil der Jagdgesellschaft.

Es waren typi­sche Argu­men­te für eine Zeit, in der die Ver­nunft den Ton angab. Aber es waren wie das Bei­spiel Wes­ten­rie­der zeigt auch Anhän­ger der soge­nann­ten Auf­klä­rung, die den Volks­glau­ben verteidigten.

Die Auf­klä­rung war nicht per se kir­chen- oder reli­gi­ons­feind­lich. Sie ließ durch­aus Platz für den Offen­ba­rungs­glau­ben – nur ver­nünf­tig soll­te er eben sein, berei­nigt vom Aber­glau­ben”. Gera­de in Bay­ern hat­te die Auf­klä­rung ein gemä­ßig­tes Gesicht; vie­le Mön­che und Ordens­leu­te zer­bra­chen sich in den Kon­ven­ten den Kopf, wie sich Reli­gi­on ver­nunft­ge­mäß begrün­den lässt. Auch Adel und Bür­ger dis­ku­tier­ten mit Kle­ri­kern – in Salons und Kaf­fee­häu­sern. Wenn im Zuge der Auf­klä­rung die Wall­fahrt und der Volks­glau­be kri­ti­siert wur­den, dann auch, weil die geis­ti­ge Eli­te den Bezug zum Volk verlor.

Den­noch: Die Auf­klä­rung hat ihr” Zeit­al­ter nie voll­ends beherrscht – neben ihr leb­ten vie­le Geis­tes­strö­mun­gen wie Neu­hu­ma­nis­mus und Klas­si­zis­mus, Roman­tik und Natur­phi­lo­so­phie – und auch die baro­cke Fröm­mig­keit leb­te fort. Und doch hat die Auf­klä­rung der Epo­che ihren Namen gege­ben – weil sie einen Pro­zess in Gang setz­te, der das Den­ken heu­te noch prägt und in alle Berei­che der Gesell­schaft und Poli­tik hin­ein­reicht. Dabei war die Bewe­gung nicht homo­gen, auch wenn dies der Epo­chen­be­griff nahe legt. Es lag ihr kein phi­lo­so­phi­sches Sys­tem zugrun­de. Was die Auf­klä­rer” ein­te, war die Über­zeu­gung, dass Men­schen ihr Schick­sal selbst beein­flus­sen, ihre Welt gestal­ten und posi­tiv ver­än­dern kön­nen, wenn sie nur ihren Ver­stand und ihre Ver­nunft gebrau­chen. Auf­klä­rung ist ein gedank­li­cher Pro­zess – ein Pro­zess, der die freie Mei­nungs­äu­ße­rung und die Dis­kus­si­on vor­aus­setzt und auch den Streit erlaubt – ein Pro­zess, der im 18. Jahr­hun­dert begann, aber da längst nicht endete.

Es waren gesell­schaft­li­che Erschüt­te­run­gen, die die­sen Pro­zess aus­lös­ten – kon­fes­sio­nel­le Bür­ger­krie­ge, sich ver­schär­fen­de Stän­de­kämp­fe und immer wei­ter aus­grei­fen­de Staa­ten­kon­flik­te. Mehr Frei­heit for­der­ten die Ver­fech­ter der Auf­klä­rung, Bür­ger- und Men­schen­rech­te waren ihr Ziel. Dass der Erklä­rung der Men­schen­rech­te im Zuge der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on 1789 erneut Ter­ror und Krieg in den Jah­ren danach fol­gen soll­ten, bedau­er­ten nicht zuletzt die Ver­tre­ter der Auf­klä­rung. Und auch wenn die Auf­klä­rung die geis­ti­ge Grund­la­ge für die soge­nann­te Säku­la­ri­sa­ti­on lie­fer­te – die erschüt­tern­den Fol­gen der staat­li­chen Refor­men hat­ten auch die meis­ten Gelehr­ten überrascht.

Säkularisation: Bei der Aufhebung der Klöster ging Montgelas besonders rücksichtslos vor

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Altöttinger Dioramenschau: Ausschnitt aus dem Schaubild "Wallfahrt und Aufklärung". Das Bild zeigt Altötting-Pilger, die auf eine aufgeklärte Jagdgesellschaft treffen. Eine Pilgerin mit einem Gebetbuch in der Hand sieht traurig auf die schimpfende Jagdgesellschaft.

Die Zeit um die Wen­de zum 19. Jahr­hun­dert war dra­ma­tisch bewegt. Nie­mand konn­te ahnen, dass es dem Gra­fen Maxi­mi­li­an Mont­ge­las (17591838) gelin­gen soll­te, Bay­ern nach Öster­reich und Preu­ßen zur stärks­ten poli­ti­schen Kraft unter den deut­schen Mit­tel­staa­ten zu machen – in einer Zeit wirt­schaft­li­cher Not und Revo­lu­ti­ons­ge­fahr, als frem­de Trup­pen vier­mal das Land über­schwemm­ten und als Bay­ern stän­di­gen Anne­xi­ons­ver­su­chen Öster­reichs aus­ge­setzt war. Durch sein tak­ti­sches Bünd­nis mit Napo­le­on im Jahr 1805 konn­te Mont­ge­las für Bay­ern die Erhe­bung des baye­ri­schen Kur­fürs­ten zum König und bedeu­ten­de Gebiets­ge­win­ne errei­chen. Als Minis­ter des Königs beherrsch­te er die Regie­rungs­po­li­tik und ermög­lich­te mit sei­nen Refor­men nach dem Vor­bild des napo­leo­ni­schen Frank­reichs den Über­gang Bay­erns zum Ver­fas­sungs­staat des 19. Jahr­hun­derts. Aus einem locke­ren Ver­bund vie­ler klei­ner, ungleich ent­wi­ckel­ter und unter­schied­lich ver­wal­te­ter Fürs­ten­tü­mer schuf Mont­ge­las einen moder­nen Staat.

Als im Zuge der Säku­la­ri­sa­ti­on die geist­li­chen Fürs­ten­tü­mer unter die welt­li­chen Staa­ten auf­ge­teilt wur­den, erfolg­te dies ohne gro­ßen Wider­spruch der Bevöl­ke­rung; selbst Kurie und Bischö­fe pro­tes­tier­ten nur ver­hal­ten – eben­so wie die klei­nen welt­li­chen stell­ten auch die geist­li­chen Fürs­ten­tü­mer nur Kon­glo­me­ra­te ver­schie­de­ner Herr­schafts­rech­te dar und hät­ten sich gegen die gro­ßen, moder­nen Ver­fas­sungs­staa­ten nicht behaup­ten können.

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Altöttinger Dioramenschau: Ausschnitt aus dem Schaubild "Wallfahrt und Aufklärung". Das Bild zeigt Altötting-Pilger, die auf eine aufgeklärte Jagdgesellschaft treffen. Im Bild eine Pilgerin mit Rosenkranz in der Hand.

Die­ser Schritt hat­te sich ange­kün­digt – lan­ge vor Mont­ge­las unter den Wit­tels­ba­chern: Um die erdrü­cken­de Wirt­schafts­macht der Klös­ter ein­zu­däm­men – sie besa­ßen mehr als die Hälf­te allen Grund und Bodens –, schob Kur­fürst Karl Albrecht bereits 1741 die Haupt­last für die Armee den Klös­tern zu; sein Nach­fol­ger Max III. Josef schränk­te 1764 den kirch­li­chen Ver­mö­gens­er­werb ein und stell­te 1769 das kirch­li­che Ver­mö­gen unter stren­ge Staats­auf­sicht. Auch der zwei­te Schritt der Säku­la­ri­sa­ti­on, die Auf­lö­sung von Kir­chen­gü­tern, war noch vor Mont­ge­las vor­be­rei­tet wor­den. Haupt­grund für die Durch­füh­rung war schließ­lich die finan­zi­el­le Situa­ti­on, die auf­grund der Koali­ti­ons­krie­ge und der anste­hen­den Feld­zü­ge mehr als ange­spannt war.

Das Aus­maß die­ses Schrit­tes aber war fatal: Bei der Auf­he­bung der Klös­ter ging Mont­ge­las beson­ders rück­sichts­los vor – ohne, dass die­ser Schritt für den Staats­auf­bau nötig gewe­sen wäre. Beim Klos­ter­sturm 1803 wur­den Mön­che mit dürf­ti­gen Pen­sio­nen in die Welt hin­aus­ge­schickt, wäh­rend der Staat Kir­chen und Klös­ter aus­plün­der­te und alles, was zu Geld zu machen war, unter den Ham­mer brach­te – Gebäu­de und Vieh, Kel­che und Mess­ge­wän­der, Reli­qui­en­schät­ze und vie­les mehr.

Auch in Alt­öt­ting hin­ter­lie­ßen Auf­klä­rung und Säku­la­ri­sa­ti­on ihre Spu­ren: So unter­sag­te Öster­reich 1788 Wall­fahr­ten außer Lan­des: Wäh­rend Alt­öt­ting 1770 noch 230 pil­gern­de Pfar­rei­en aus dem nahen Nach­bar­land zähl­te, waren es 1786 nur noch 160; danach schwei­gen die Akten. Einen her­ben Rück­schlag erfuhr der Wall­fahrts­ort, als Papst Cle­mens XIV. 1773 den Jesui­ten­or­den ver­bot und in Alt­öt­ting die Seel­sor­ger fehl­ten. Die Refor­men von Mont­ge­las brach­ten die Wall­fahrt bei­na­he völ­lig zum Erlie­gen. 1801 unter­sag­te der Staat Kreuz- und Bitt­gän­ge, gro­ße Wall­fahr­ten und vie­le Volk­s­an­dach­ten. Eine Flut von Regie­rungs­ver­ord­nun­gen über Kir­che und Kir­chen­brauch folg­ten in den Jah­ren 1801 bis 1804.

"Hier sieht man von allen Seiten friedliche Waller ..."

Bayern ist auch das Land der kleinen Wegkapellen ... – Pilger auf dem Weg nach Altötting im Rahmen der vom Altöttinger Wallfahrts- und Tourismusbüro organisierten Pilgerwanderungen.

Gera­de die Radi­ka­li­tät der Mont­ge­las’­schen Refor­men ließ aber auch vie­le Anhän­ger der Auf­klä­rung zurück­schre­cken. Wäh­rend der jun­ge Wes­ten­rie­der gegen alle Hemm­nis­se wah­rer Auf­klä­rung kämpf­te, wand­te er sich spä­ter ent­schie­den dage­gen, alles Herz­li­che, alles Huld, Trost und Lie­be Ver­brei­ten­des” aus­zu­mer­zen. Die Säku­la­ri­sa­ti­on zer­stör­te das geis­ti­ge Fun­da­ment sei­nes Lan­des. Wenn Wes­ten­rie­der die Wall­fahrt ver­tei­dig­te, dann auch, weil er wuss­te, wie tief die baro­cke Fröm­mig­keit in der bay­ri­schen Gesell­schaft ver­wur­zelt war – und zwar in allen Schich­ten: Fürs­ten spen­de­ten pracht­vol­le Votiv­ga­ben in Alt­öt­ting – zuletzt 1737 Kur­fürst Karl Albrecht (16971745) den Sil­ber­prinz. Zahl­lo­se Kir­chen und Hei­lig­tü­mer im gan­zen Land wur­den im 17. und 18. Jahr­hun­dert neu errich­tet oder kost­bar ausgeschmückt.

Doch das Bava­ria sanc­ta – hei­li­ge Bay­ern” war nicht nur das Land der prunk­vol­len Schlös­ser, der fest­li­chen Kir­chen und Klös­ter, son­dern auch das Land der Feld­kreu­ze und Weg­ka­pel­len. Nicht hoch genug ist die sozia­le und kul­tu­rel­le Funk­ti­on des Glau­bens ein­zu­schät­zen: Kir­chen waren nicht nur prunk­vol­le Stät­ten, wo das Volk sei­nen Glau­ben leb­te, son­dern viel­mehr Hei­mat für hart arbei­ten­de Bau­ern, die meist nur an kirch­li­chen Fest­ta­gen zusam­men­ka­men. Die Sonn- und Fei­er­ta­ge gaben dem Leben einen natür­li­chen Rhyth­mus von Arbeit und Erho­lung. Dem reli­giö­sen Ernst in der Andacht folg­te das gesel­li­ge Bei­sam­men­sein mit Fest und Tanz.

2019-pfingsten-fusswallfahrt-aus-regensburg-nach-altoetting info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Regensburger Fußwallfahrt – Ankunft in Altötting an Pfingsten 2019. Nach wie vor machen sich viele Wallfahrer auf den Weg ins "Herz Bayerns".

Und wenn sich Land­leu­te auf Pil­ger­rei­se nach Alt­öt­ting bega­ben, dann such­ten sie reli­giö­se Erneue­rung, aber auch Ablen­kung und Zer­streu­ung – eine Wall­fahrt war die ein­zi­ge Mög­lich­keit für die ein­fa­chen Bau­ers­leu­te, wenigs­tens ein­mal im Jahr Hof und Dorf für ein paar Tage zu ver­las­sen. Gera­de im Gemein­schafts­er­leb­nis, auch im Wan­dern durch die Natur, konn­ten die Bau­ern neue Kraft für den All­tag schöp­fen. In die­sem Sin­ne ist Wes­ten­rie­ders Kom­men­tar an die Stadt­phi­lo­so­phen” zu ver­ste­hen, die Fes­te fei­er­ten und Urlaub mach­ten, dem Bau­ern aber noch nicht ein­mal eine Wall­fahrt gönnten.

Es sind ver­nünf­ti­ge Argu­men­te, die Wes­ten­rie­der hier vor­bringt – ver­nünf­ti­ge Grün­de, sich ein­ge­hen­der mit dem The­ma zu beschäf­ti­gen. Im Geist der Roman­tik und katho­li­schen Erneue­rung erscheint denn sei­ne Beschrei­bung einer Wall­fahrt nach Alt­öt­ting: Hier sieht man von allen Sei­ten fried­li­che Wal­ler in ver­schie­de­nen Trach­ten und Grup­pen, theils laut bethend, und teils sin­gend zusam­men strö­men, ganz erweicht und zer­knirscht, und voll des innigs­ten Ver­trau­ens, und des zärt­lichs­ten Froh­lo­ckens im Her­zen sich beei­len, bald sehen zu kön­nen Matrem pro­pi­ti­am. (…) Vie­le, vie­le blei­ben in Som­mer­näch­ten vor der Kapel­le auf einem Gras­plat­ze kni­en und lie­gen, und sin­gen uralte rüh­ren­de Lie­der mit Melo­di­en, wel­che aus tief­ge­rühr­ten Her­zen kom­men, und Her­zen rühren.”

Vie­le Pil­ger kamen in den Jah­ren 1816 und 1817, vie­le Bau­ers­leut und ein­fa­che Men­schen, die sich ver­trau­ens­voll der Mut­ter­got­tes zuwand­ten und sich auch von jagen­den und schimp­fen­den Stadt­phi­lo­so­phen” nicht abschre­cken lie­ßen; Wall­fah­rer, die trotz Hun­ger und Pil­ger­stra­pa­zen neben Maria bestimmt auch die Schön­heit von Got­tes Schöp­fung im Blick hat­ten – auch und gera­de an die­sem schö­nen Herbst­tag im Hun­ger­jahr 1817.

Text: Micha­el Glaß