Die bestens erhaltenen spätgotischen Freskenzyklen an Wänden und Decke der kleinen St.-Jakobus-Kirche im oberbayerischen Urschalling haben Weltbedeutung. Vor allem die Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit hat Berühmtheit erlangt. Überlebt hat der Bilderschatz nur, weil die Fresken fast 400 Jahre unter Putzschichten verborgen waren.
Unscheinbar in Weiß steht die kleine Dorfkirche im Ortsteil Urschalling von Prien am Chiemsee mit ihrem Zwiebelturm auf einer Anhöhe. Um durch die etwas niedrig geratene Eingangstür treten zu können, müssen sich die meisten Besucher ein wenig bücken – und blicken gleich nach dem Eintreten in einen Höllenschlund (siehe Bild oben).
„Auf dieser Darstellung befreit Christus die Gerechten. Er hat mit seinem Kreuzstab den Rachen des zähnefletschenden Ungeheuers geöffnet und ergreift die Hände zweier Männer. Der mit dem Nimbus ist Johannes der Täufer, gefolgt von Adam und Eva“, erklärt Kirchenführerin Helga Schömmer den überraschten Besuchern. Tatsächlich wartet die rund 900 Jahre alte katholische Pfarrkirche St. Jakobus in Urschalling bei Prien am Chiemsee – nur fünf Minuten von der A8 entfernt – mit einzigartigen spätgotischen Fresken auf, mit denen die romanische Kirche fast vollständig ausgemalt ist.

„Die Kirche war Teil einer Burganlage, die die Grafen von Falkenstein zwischen 1158 und 1200 anlegten. Da der heilige Jakobus auch Schutzheiliger der Falkensteiner war, wurde die Kirche ihm geweiht. Die einschiffige und zweijochige Kirche mit Apsis hat ein Gewölbe und aus diesem Grund dicke Außenmauern, die jeden Umbau der Kirche sehr aufwändig machten. So überdauerte das Gotteshaus die Jahrhunderte nahezu unverändert, und ich kann sie Ihnen heute in dieser Pracht präsentieren“, informiert Orts- und Gästeführerin Schömmer ihre staunenden Besucher, die derweil ständig die Hälse recken und ihre Augen nicht von den wunderschönen Malereien abwenden können, etwa von einer Darstellung von Adam und Eva während des Sündenfalls. Dieses Fresko entstand bereits in der Romanik, mithin in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Damals wurden nur das östliche Joch und die Apsis ausgemalt. „Davon sind heute die Abbildungen von Adam und Eva komplett freigelegt“, erklärt die Kennerin und weist auf die spiegelbildliche Darstellung der beiden Menschen unter den hängenden Ästen, den stilisierten Früchten oder Blättern hin, die durch den Baum voneinander getrennt und durch die Äste zugleich verbunden sind.
Der Farb- und Bilderreichtum der Kirche ist groß
Erst im Barock wurde in das Erscheinungsbild des Gotteshauses eingegriffen. Die Kirche erhielt 1711 einen kleinen Turm mit Zwiebelhaube, die erste romanische Bemalung im Innern wurde übertüncht und in die Außenwände wurden größere Fenster eingebrochen. Ende des 14. Jahrhunderts entstand dann ein gotischer Zyklus, der ebenfalls übertüncht wurde. 1941 entdeckte man die seltenen Malereien unter der Putzschicht wieder. Seither wurden sie mehrfach restauriert und gelten heute als die am besten erhaltenen Freskenzyklen der Gotik in Oberbayern.
Der Farb- und Bilderreichtum der Kirche ist groß: Von den Wänden und Decken blicken dem Besucher zahlreiche biblische Figuren und Heilige entgegen, gezeichnet in warmen Erdfarben – von Adam und Eva über die Märtyrer Laurentius und Stephanus bis hin zur Muttergottes mit dem Christuskind.
„Das Dreifaltigkeitsfresko von Urschalling hat Weltbedeutung“
Die wohl größte Aufmerksamkeit aber erregt ein Fresko in der unteren Spitze eines Gewölbezwickels. „Das Dreifaltigkeitsfresko von Urschalling hat Weltbedeutung“, erklärt Helga Schömmer stolz. Dargestellt ist die heilige Dreifaltigkeit als Person mit drei Gesichtern und drei Oberkörpern. Nach unten verschmelzen die drei Körper zu einem einzigen. Umstritten ist die Deutung der mittleren Gestalt: Zwischen dem weißbärtigen Greis, einer Darstellung von Gottvater, und einer Darstellung von Jesus als bärtigen Mann zur Linken befindet sich die Verkörperung des Heiligen Geistes. Durch sein rundes und bartloses Gesicht mit langem hellbraunem Haar ist unklar, ob es sich bei dieser Gestalt um eine Frau handelt oder, innerhalb des klassischen Greis-Mann-Jüngling-Schemas, um einen sehr jungen Mann. Kunstexperten sind fasziniert von den weiblichen Zügen dieser Gestalt, und manche von ihnen sehen darin einen Hinweis auf die weibliche Seite Gottes.
In der Apsis thront Christus
„In der Apsis thront Christus, die Rechte segnend erhoben, mit der Linken das Evangelium haltend, die Wundmale an Händen und Füßen zeigend“, setzt die Gästeführerin ihren fachkundigen Vortrag in der Kirche fort. Um Christus schweben geflügelte Symbole der Evangelisten. Darunter sitzen die zwölf Apostel mit ihren Attributen in den Händen. Links sitzt Simon der Eiferer mit Buch und Säge, Judas Thaddäus mit Buch und Beil, Thomas mit einer Lanze, Andreas mit einem Kreuz und Petrus mit dem Schlüssel. Rechts neben dem Fenster thronen Johannes mit einem Kelch, Jakobus der Ältere mit Pilgerstab und Jakobsmuschel, Bartholomäus mit Buch und Messer, Jakobus der Jüngere mit einem Wollbogen und Philippus mit einem Buch und Gabelkreuz.
Die Apostel wirken dabei weniger wie Beisitzer am Gericht, sondern diskutieren angeregt. „Über ihnen auf dem Bogen der Apsis schweben die Zehn Jungfrauen als Halbfiguren. Sie weisen mit der Hand auf ihren Herrn, der in Apsis thront. Oder sie zeigen auf sich selbst, wenden sich von Christus ab und halten das leere Gefäß nach unten“, erklärt Frau Schömmer und entlässt die Besucher, die beim Verlassen der Kirche erneut demütig das Haupt senken müssen.
Text: Peter Beyer (Storymacher / STM)
Kirchenführungen in Urschalling sind leider aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen bis auf weiteres nicht möglich. Interessenten wenden sich bezüglich möglicher Änderungen Ende Juni an Gästeführerin Helga Schömmer, Tel. 08051 5130 oder 0171 8810912. Sie bietet Führungen vor Ort an (Dauer ungefähr eine Stunde) sowie Wanderungen zur Kirche mit anschließender Führung. Da der Freskenzyklus so umfangreich ist, bietet Helga Schömmer gewöhnlich darüber hinaus drei- bis viermal im Jahr eine Ergänzungsführung an.