„Wichtig ist, einfach da zu sein“

Michael Glaß am 10.11.2020

2020 11 09 aoelfb blaulicht notfall Foto: Gerd Altmann auf Pixabay

In ihrem Berufsleben als Krankenhaus- und Schulseelsorgerin sowie in der Trauer- und Lebensbegleitung wurde und wird Ingrid Weißl (61) immer wieder mit privaten Schicksalsschlägen konfrontiert. Um in Krisensituationen rasch helfen zu können, gründete die Pastoralreferentin vor 20 Jahren mit einigen Mitstreitern die Notfallseelsorge im Bistum Passau. Ein Gespräch übers Kraft geben und Kraft finden.

2020 11 09 aoelfb ingrid weissl Foto: Roswitha Dorfner
Ingrid Weißl.

Lie­be Frau Weißl, vor 20 Jah­ren grün­de­ten Sie mit eini­gen Mit­strei­tern die Not­fall­seel­sor­ge (NFS) im Bis­tum Pas­sau. Was war Ihre Moti­va­ti­on, gab es einen kon­kre­ten Anlass?
Weißl:
In Alt­öt­ting pas­sier­te vor ca. 20 Jah­ren ein schwe­rer Ver­kehrs­un­fall, bei dem vier jun­ge Män­ner star­ben. Kirch­li­cher­seits gab es damals noch kei­ne Not­fall­num­mer, die 24 Stun­den erreich­bar war. Also brach­te ich die­ses Anlie­gen als Pro­jekt“ bei den Pas­to­ral­kon­fe­ren­zen in Pas­sau ein und grün­de­te die Pro­jekt­grup­pe, bei der aus jeder Regi­on eine Kollegin/​ein Kol­le­ge (zumeist aus der Kli­nik­seel­sor­ge) ein­ge­la­den wur­de und wir gemein­sam Ideen zur Kon­kre­ti­sie­rung sammelten.

Wie haben Sie begon­nen und wie hat sich die Not­fall­seel­sor­ge in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­wi­ckelt?
Weißl: Als Grün­dungs­tag wähl­te ich ganz bewusst den 22.11.2000, den Fest­tag der hl. Cäci­lie. Musik ist eine hei­len­de Kraft und kann wirk­lich Trost geben und Trau­er aus­drü­cken. Wer die Musik liebt, kann nie ganz unglück­lich wer­den“ sagt Franz Schu­bert. Um eine Grund­aus­stat­tung kau­fen zu kön­nen, wie z.B. Not­fall­kof­fer u.a. haben wir mit unse­ren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in der ev. Kir­che Zum guten Hir­ten“ in Alt­öt­ting ein Bene­fiz­kon­zert ver­an­stal­tet. Für jede Regi­on gibt es eine Beauftragte/​einen Beauf­trag­ten, der die Ein­sät­ze koor­di­niert und die Dienst­ein­tei­lung macht. Nach­dem ich vor 20 Jah­ren noch vier klei­ne Kin­der hat­te, gab ich die Lei­tung die­ser Pro­jekt­grup­pe an mei­nen Kol­le­gen Die­ter Schwi­bach ab. Er lei­tet die Not­fall­seel­sor­ge auch heu­te noch.

Die Kir­che leis­tet seit jeher in Kri­sen­si­tua­tio­nen seel­sorg­li­chen Bei­stand – war­um brauch­te es den­noch die Orga­ni­sa­ti­on der Not­fall­seel­sor­ge in fes­ten Struk­tu­ren?
Weißl:
Bedingt durch die vie­len orga­ni­sa­to­ri­schen Tätig­kei­ten der Seel­sor­ger in Kir­che, Schu­le und Pfar­rei war es wich­tig, einen 24-Stun­den-Dienst sicher­zu­stel­len, damit die Men­schen in Not auch einen Men­schen (und kei­nen Anruf­be­ant­wor­ter) am Tele­fon haben, der sofort kom­men kann.

Wel­che Unter­stüt­zung leis­tet die Not­fall­seel­sor­ge, wer kann sie bean­spru­chen und wie wer­den die Seel­sor­ger infor­miert?
Weißl:
Poli­zei, Feu­er­wehr, Ret­tungs­dienst und ande­re Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen benach­rich­ti­gen die Not­fall­seel­sor­ge (NFS), z.B. bei schwe­ren Ver­kehrs­un­fäl­len, häus­li­chen Not­fäl­len, Sui­zid, Tod in der Schu­le, Über­brin­gung von Todes­nach­rich­ten … Den Dienst kann jeder in Anspruch neh­men, unab­hän­gig von der Konfession.

Besteht das Team aus­schließ­lich aus aus­ge­bil­de­ten Theo­lo­gen in Diens­ten der Diö­ze­se – oder wer­den auch Lai­en ein­ge­bun­den?
Weißl:
Zu Beginn unse­rer Tätig­keit waren neben haupt­amt­li­chen Theologinnen/​Theologen und Reli­gi­ons­päd­ago­gin­nen/-päd­ago­gen auch ehren­amt­li­che Lai­en mit ent­spre­chen­der Aus­bil­dung im Ein­satz, um den Rund-um-die-Uhr-Dienst zu gewähr­leis­ten. (Mitt­ler­wei­le leis­ten aus­schließ­lich haupt­amt­li­che Seel­sor­ger Dienst in der NFS, Anm. d. Red.)

2020 11 09 aoelfb ingrid weissl notfallseelsorge Foto: privat
Als alles begann (v.l.n.r.): Dieter Schwibach und Ingrid Weißl, Gründer der Notfallseelsorge im Bistum Passau mit Andreas Müller-Cyran, dem „Papst“ der Notfallseelsorge, im Jahr 2000.

Wie gehen die Seel­sor­ger vor, wenn sie zu einem Not­fall geru­fen wer­den?
Weißl: Vor 20 Jah­ren hat­ten wir von jedem Ort einen Stra­ßen­plan besorgt, um zeit­nah am Ort des Gesche­hens zu sein, heu­te führt uns das Navi hin. Bereits bei der Alar­mie­rung erfährt man, wor­um es sich han­delt und kann sich bereits auf der Fahrt auf die Situa­ti­on ein­stel­len. Wich­tig ist, selbst kon­zen­triert und empa­thisch zu sein, ein­fach da zu sein“ (nicht kom­pli­ziert!) und zu hel­fen, die betrof­fe­nen Men­schen und ihre Ange­hö­ri­gen zu unter­stüt­zen, gege­be­nen­falls durch ganz prak­ti­sche Hil­fen, z.B. sie in die Kli­nik zu brin­gen, um ein Abschied­neh­men zu ermög­li­chen, Res­sour­cen abzu­ru­fen, Ver­wand­te zu benach­rich­ti­gen, die hel­fen kön­nen. Dies alles geschieht in enger Zusam­men­ar­beit mit dem Orts-Seel­sor­ge­team, damit auch die Beglei­tung in den ers­ten Wochen/​Monaten danach gut anschlie­ßen kann.

„Jeder Seelsorger braucht selbst eine innere Kraftquelle“

Immer wie­der wer­den die Hel­fer mit äußerst belas­ten­den Situa­tio­nen kon­fron­tiert. Wie schaf­fen Sie und Ihre Mit­strei­ter es selbst, damit umzu­ge­hen – und auch noch Kraft geben zu kön­nen?
Weißl:
Jede Seelsorgerin/​jeder Seel­sor­ger braucht eine inne­re Kraft­quel­le und die nöti­ge Ruhe und Aus­ge­gli­chen­heit, wie z.B. auch in der Kli­nik­seel­sor­ge. Ich per­sön­lich habe ein Wort erfun­den“, das mir hilft, bei mir zu blei­ben: Sor­gen-Dieb­stahl ver­mei­den!“ Nah sein und Hil­fe ermög­li­chen und trotz­dem den Betrof­fe­nen ihre Sor­gen und ihr Leid nicht steh­len“. Die­ser Tipp ist auch für Besuchs­diens­te hilf­reich, damit sie nicht die Sor­gen und Pro­ble­me der Betrof­fe­nen mit nach Hau­se neh­men. Als ich vor 25 Jah­ren mit der Kli­nik­seel­sor­ge in Alt­öt­ting begann, sag­te mein damals zehn­jäh­ri­ger Sohn: Mama, wennst bei jeman­dem bist, der weit unten ist, dann darfst dich nicht so weit run­ter­beu­gen, dass‘d selbst run­ter­fällst, son­dern musst ihm ein Seil zuschmei­ßen, mit dem er sich rauf­zie­hen kann“. Unver­gess­lich – und ver­mut­lich von oben“ eingegeben.

Auch wenn der Anlass kein schö­ner war – zum Jubi­lä­um darf man schon ein­mal fra­gen: Was wün­schen Sie sich für die Zukunft der Not­fall­seel­sor­ge?
Weißl: Dass immer genü­gend Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen da sind, die sich ger­ne betei­li­gen – und mög­lichst wenig Not­fäl­le. Und wenn, dass durch den Ein­satz der Not­fall­seel­sor­ge man­ches Schick­sal etwas gelin­dert wer­den kann, weil die Erst­ver­sor­gung gut gelun­gen ist und heil­sam war.

Inter­view: Wolf­gang Terhörst

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