
Normalerweise herrscht um diese Zeit Hochbetrieb auf der „Waldweihnacht“ von Martin Winklbauer. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten? Und Martin Winklbauer wäre nicht er selbst, würde er nicht andere Wege zu den Herzen der Menschen finden.
Unzählige Besucher seiner Waldbühne kennen Martin Winklbauer (62) als großartigen Theatermacher und Schauspieler – oder eben als kreativen Impulsgeber der Waldweihnacht. Doch der Landwirt vom Spielhof engagiert sich seit vielen Jahren auch ehrenamtlich im Glaubensleben seiner Heimatgemeinde Halsbach im Landkreis Altötting: als 1. Vorsitzender des Pfarrgemeinderats und als Vorstand im Diözesanrat Passau. Martin Winklbauer ist überzeugter Christenmensch und das sicher nicht nur, weil er am ersten Weihnachtsfeiertag geboren wurde. Und so stellte er sich auch der Herausforderung Corona.
„Es liegt an uns, ob wir eigene Spuren legen“
Es stelle sich für ihn immer wieder die Frage, was diese Zeit mit uns mache. Freimütig bekennt Winklbauer: „Für mich nehme ich wahr, dass mich diese Zeit aus einem wohligen Schlummer geweckt hat. Ich hatte es mir in gewisser Weise schon bequem gemacht auf meiner Couch des Lebens. Zwar nicht mit der Fernbedienung in der Hand, aber gemütlich war‘s schon.“ Doch bei einer Pfarrversammlung in der Kirche, im Anschluss an eine Abendmesse, habe er mit Verweis auf die Routinen, die sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hätten gesagt: „Für 2020 gibt es keine Blaupause! Wir dürfen uns selbst finden, unsere Aufgaben finden und manchmal neu erfinden. Findig sein, das ist die große Herausforderung unserer Zeit. Es darf experimentiert werden. Den Anspruch auf das Gewohnte gibt es nicht mehr. Das ist die Chance, die uns diese Zeit schenkt, das Befreiende! Es ist wie Neuschnee, auf dem noch keiner getreten ist. Nicht einer hat eine Spur gelegt. Wir machen den ersten Schritt. Es liegt an uns, ob wir eigene Spuren legen, oder ob wir uns zurückziehen in unsere vertrauten Häuser und Stuben, weil wir uns scheuen neues Terrain zu betreten. In unserem gewohnten Heim bleiben, das Christkind im Herrgottswinkel auf weiches Stroh betten und jammern wie schlimm die Zeit ist und weil keiner nach uns fragt.“
Diese „Kabinenansprache“ hat gesessen und für viel neue Motivation gesorgt. Der Halsbacher Pfarrgemeinderat hat für die Advents- und Weihnachtszeit so einiges auf die Beine gestellt – „nichts Spektakuläres, aber mit viel Freude und Herzblut“, bekräftigt Martin Winklbauer. Das Schlagwort sei wie in der Vergangenheit: Dezentral. Raus aus dem Kirchenschiff und zu den Leuten gehen: Adventsfenster – klassisch in den Siedlungen; Adventsrundwege – Themenwanderungen auf unterschiedlichen Schleifen; Nikolausandacht – mit Besuch des hl. Nikolaus zentral im Freien; Weihnachtswald – in einem Waldareal können die Besucher die Bäume schmücken (Es gibt nicht „meinen“, oder „deinen“ Baum, sondern nur „unsere“ Bäume); Kinderchristmette – zentral im Freien und anschließend dezentrale Andachten (Handreichung mit kurzen Impulsen des Pfarrgemeinderats). Die Pfarrkirche soll besonders in dieser Zeit als Ort zur inneren Findung dienen – „um Herz und Verstand ins Lot zu bringen“. Dazu werden, wie in der Osterzeit schon praktiziert, verschiedene raumgreifende Installationen erstellt.
Halsbacher Waldweihnacht

Es ist das Ruhige und Harmonische, das Zauberhafte, was die Besucher jedes Jahr aus Nah und Fern zur Halsbacher Waldweihnacht hinzieht. Aufgrund der Corona-Pandemie musste diese 2020 leider ausfallen. Doch in Halsbach mangelt es nicht an kreativen Ideen für adventliche Alternativen …
Der Pfarrbrief zur Advents- und Weihnachtszeit wurde in einer „Halsbacher Tasche“ an alle Haushalte ausgetragen (zusammen mit einer Kerze, einem Teebeutel, einem Tannenzweig, ein paar Vorlagen zum Lesen und Feiern in der Familie und einem Schokonikolaus). Das sei zwar ein großer Aufwand, so Winklbauer, aber der Pfarrgemeinderat habe sich das Leitwort gegeben: „Zu den Leuten gehen!“ Man wolle nicht erwarten, dass sie in die Kirche kommen, „sondern wir wollen sie in ihrer Lebenssituation abholen. Ihnen Handreichungen geben, Werkzeuge, um in den Familien die tiefere Botschaft, in diesem Fall der Advents- und Weihnachtszeit, erlebbar zu machen“.
Für Martin Winklbauer lebt Kirche ohnehin nicht „nur im Gotteshaus“. Ihm sei das Wort Gemeinschaft wichtig als Entsprechung von Kirche. Das wolle man in Halsbach pflegen – die Menschen einladen und mitnehmen so wie sie sind. „Ich mache aus meinem Glauben kein Geheimnis“, sagt Martin Winklbauer, „aber ich will mein religiöses Verständnis nicht als Maßstab für andere anlegen. Denn hier gibt es für mich kein allgemein gültiges Richtig oder Falsch“. Darum sei der Halsbacher Ansatz nicht, die Menschen zu irgendwas zu „bekehren“, sondern ihnen Hilfen zum Leben zu geben.
„Willkommen sein“
Wie wichtig dem Theatermenschen Winklbauer dabei schon vermeintliche Kleinigkeiten sind, zeigt beispielsweise der Umgang mit Sprache. Als die Gottesdienste nach dem ersten Lockdown wieder stattfinden konnten und Ordner Voraussetzung dafür waren, hätten die Mitglieder des Pfarrgemeinderats diesen Dienst gerne übernommen und leisteten ihn noch immer gern. „Wir haben aber sofort die Bezeichnung ‚Ordnerdienst‘ in ‚Begrüßungsdienst‘ geändert“, erläutert der Vorsitzende, „denn wir wollen die Leute nicht ordnen, sondern sie begrüßen und ihnen Hilfestellungen geben“. Nicht nur für die Besucher sei dieser Begriff einladender, sondern er verändere auch die eigene Verhaltensweise: den Gottesdienstbesuchern das Gefühl des „Willkommen sein“ zu vermitteln. „Mag diese Begriffsänderung auch banal klingen, für uns spiegelt das unsere Grundhaltung“, so Winklbauer.
Er möchte aber nicht missverstanden werden: „Mir ist das Christkind in der Krippe sehr wohl wichtig, Traditionen sind der Mörtel in unseren Gemeinschaften, aber eben nicht die Ziegel. Ich durfte in diesem Jahr schon unzählige lebendige Ziegelsteine erleben, so dass es mir nicht bange wird für die Zukunft unserer Gemeinschaft“. Leider sei er aber auch Maurern der Kirche begegnet, die verlernt hätten mit diesen „lebendigen Steinen“ etwas Neues aufzubauen: „Maurer, die in sich das Vertrauen verloren haben, neue Gebäude zu bauen. Mauerer und Architekten, die meinen sie müssen eine einzige große Kirche bauen, in der alle Platz finden, anstatt die vielen kleinen Gotteshäuser zu unterstützen, die die Menschen selber bauen“.
Martin Winklbauer hält sich selbst für keinen Baumeister, keinen Architekten – bestenfalls einen Maurer … „und, ja ein Christkind“. Geburtstag habe er zwar auch noch an Weihnachten, aber das sei eher nebensächlich, „weil bei uns der Namenstag gewichtiger ist“. Und so freut er sich auf Weihnachten, „nicht wegen meines Geburtstags, sondern wegen der vielen kleinen Gotteshäuser in den Wohnungen unserer Pfarrei“.
Text: Wolfgang Terhörst