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„Glauben erlebbar machen“

Redaktion am 08.12.2020

2020 12 07 aoelfb martin winklbauer info-icon-20px Foto: Rosi Spielhofer
Fest verwurzelt und ein kreativer Geist: Martin Winklbauer ist auf einem Einöd-Hof im Landkreis Altötting aufgewachsen. Mit seinen vielen Ideen bereichert er das Leben der Menschen in naher und weiterer Umgebung.

Normalerweise herrscht um diese Zeit Hochbetrieb auf der „Waldweihnacht“ von Martin Winklbauer. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten? Und Martin Winklbauer wäre nicht er selbst, würde er nicht andere Wege zu den Herzen der Menschen finden.

Unzäh­li­ge Besu­cher sei­ner Wald­büh­ne ken­nen Mar­tin Winklbau­er (62) als groß­ar­ti­gen Thea­ter­ma­cher und Schau­spie­ler – oder eben als krea­ti­ven Impuls­ge­ber der Wald­weih­nacht. Doch der Land­wirt vom Spiel­hof enga­giert sich seit vie­len Jah­ren auch ehren­amt­lich im Glau­bens­le­ben sei­ner Hei­mat­ge­mein­de Hals­bach im Land­kreis Alt­öt­ting: als 1. Vor­sit­zen­der des Pfarr­ge­mein­de­rats und als Vor­stand im Diö­ze­san­rat Pas­sau. Mar­tin Winklbau­er ist über­zeug­ter Chris­ten­mensch und das sicher nicht nur, weil er am ers­ten Weih­nachts­fei­er­tag gebo­ren wur­de. Und so stell­te er sich auch der Her­aus­for­de­rung Corona.

„Es liegt an uns, ob wir eigene Spuren legen“

Es stel­le sich für ihn immer wie­der die Fra­ge, was die­se Zeit mit uns mache. Frei­mü­tig bekennt Winklbau­er: Für mich neh­me ich wahr, dass mich die­se Zeit aus einem woh­li­gen Schlum­mer geweckt hat. Ich hat­te es mir in gewis­ser Wei­se schon bequem gemacht auf mei­ner Couch des Lebens. Zwar nicht mit der Fern­be­die­nung in der Hand, aber gemüt­lich war‘s schon.“ Doch bei einer Pfarr­ver­samm­lung in der Kir­che, im Anschluss an eine Abend­mes­se, habe er mit Ver­weis auf die Rou­ti­nen, die sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren her­aus­ge­bil­det hät­ten gesagt: Für 2020 gibt es kei­ne Blau­pau­se! Wir dür­fen uns selbst fin­den, unse­re Auf­ga­ben fin­den und manch­mal neu erfin­den. Fin­dig sein, das ist die gro­ße Her­aus­for­de­rung unse­rer Zeit. Es darf expe­ri­men­tiert wer­den. Den Anspruch auf das Gewohn­te gibt es nicht mehr. Das ist die Chan­ce, die uns die­se Zeit schenkt, das Befrei­en­de! Es ist wie Neu­schnee, auf dem noch kei­ner getre­ten ist. Nicht einer hat eine Spur gelegt. Wir machen den ers­ten Schritt. Es liegt an uns, ob wir eige­ne Spu­ren legen, oder ob wir uns zurück­zie­hen in unse­re ver­trau­ten Häu­ser und Stu­ben, weil wir uns scheu­en neu­es Ter­rain zu betre­ten. In unse­rem gewohn­ten Heim blei­ben, das Christ­kind im Herr­gotts­win­kel auf wei­ches Stroh bet­ten und jam­mern wie schlimm die Zeit ist und weil kei­ner nach uns fragt.“

Die­se Kabi­nen­an­spra­che“ hat geses­sen und für viel neue Moti­va­ti­on gesorgt. Der Hals­ba­cher Pfarr­ge­mein­de­rat hat für die Advents- und Weih­nachts­zeit so eini­ges auf die Bei­ne gestellt – nichts Spek­ta­ku­lä­res, aber mit viel Freu­de und Herz­blut“, bekräf­tigt Mar­tin Winklbau­er. Das Schlag­wort sei wie in der Ver­gan­gen­heit: Dezen­tral. Raus aus dem Kir­chen­schiff und zu den Leu­ten gehen: Advents­fens­ter – klas­sisch in den Sied­lun­gen; Advents­rund­we­ge – The­men­wan­de­run­gen auf unter­schied­li­chen Schlei­fen; Niko­lau­s­an­dacht – mit Besuch des hl. Niko­laus zen­tral im Frei­en; Weih­nachts­wald – in einem Wald­are­al kön­nen die Besu­cher die Bäu­me schmü­cken (Es gibt nicht mei­nen“, oder dei­nen“ Baum, son­dern nur unse­re“ Bäu­me); Kin­der­christ­met­te – zen­tral im Frei­en und anschlie­ßend dezen­tra­le Andach­ten (Hand­rei­chung mit kur­zen Impul­sen des Pfarr­ge­mein­de­rats). Die Pfarr­kir­che soll beson­ders in die­ser Zeit als Ort zur inne­ren Fin­dung die­nen – um Herz und Ver­stand ins Lot zu brin­gen“. Dazu wer­den, wie in der Oster­zeit schon prak­ti­ziert, ver­schie­de­ne raum­grei­fen­de Instal­la­tio­nen erstellt.

Halsbacher Waldweihnacht

2020 12 07 aoelfb screenshot halsbacher waldweihnacht
Screenshot der Website https://waldweihnacht-halsbach.de/

Es ist das Ruhi­ge und Har­mo­ni­sche, das Zau­ber­haf­te, was die Besu­cher jedes Jahr aus Nah und Fern zur Hals­ba­cher Wald­weih­nacht hin­zieht. Auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie muss­te die­se 2020 lei­der aus­fal­len. Doch in Hals­bach man­gelt es nicht an krea­ti­ven Ideen für advent­li­che Alternativen …

Der Pfarr­brief zur Advents- und Weih­nachts­zeit wur­de in einer Hals­ba­cher Tasche“ an alle Haus­hal­te aus­ge­tra­gen (zusam­men mit einer Ker­ze, einem Tee­beu­tel, einem Tan­nen­zweig, ein paar Vor­la­gen zum Lesen und Fei­ern in der Fami­lie und einem Scho­ko­ni­ko­laus). Das sei zwar ein gro­ßer Auf­wand, so Winklbau­er, aber der Pfarr­ge­mein­de­rat habe sich das Leit­wort gege­ben: Zu den Leu­ten gehen!“ Man wol­le nicht erwar­ten, dass sie in die Kir­che kom­men, son­dern wir wol­len sie in ihrer Lebens­si­tua­ti­on abho­len. Ihnen Hand­rei­chun­gen geben, Werk­zeu­ge, um in den Fami­li­en die tie­fe­re Bot­schaft, in die­sem Fall der Advents- und Weih­nachts­zeit, erleb­bar zu machen“.

Für Mar­tin Winklbau­er lebt Kir­che ohne­hin nicht nur im Got­tes­haus“. Ihm sei das Wort Gemein­schaft wich­tig als Ent­spre­chung von Kir­che. Das wol­le man in Hals­bach pfle­gen – die Men­schen ein­la­den und mit­neh­men so wie sie sind. Ich mache aus mei­nem Glau­ben kein Geheim­nis“, sagt Mar­tin Winklbau­er, aber ich will mein reli­giö­ses Ver­ständ­nis nicht als Maß­stab für ande­re anle­gen. Denn hier gibt es für mich kein all­ge­mein gül­ti­ges Rich­tig oder Falsch“. Dar­um sei der Hals­ba­cher Ansatz nicht, die Men­schen zu irgend­was zu bekeh­ren“, son­dern ihnen Hil­fen zum Leben zu geben.

„Willkommen sein“

Wie wich­tig dem Thea­ter­men­schen Winklbau­er dabei schon ver­meint­li­che Klei­nig­kei­ten sind, zeigt bei­spiels­wei­se der Umgang mit Spra­che. Als die Got­tes­diens­te nach dem ers­ten Lock­down wie­der statt­fin­den konn­ten und Ord­ner Vor­aus­set­zung dafür waren, hät­ten die Mit­glie­der des Pfarr­ge­mein­de­rats die­sen Dienst ger­ne über­nom­men und leis­te­ten ihn noch immer gern. Wir haben aber sofort die Bezeich­nung Ord­ner­dienst‘ in Begrü­ßungs­dienst‘ geän­dert“, erläu­tert der Vor­sit­zen­de, denn wir wol­len die Leu­te nicht ord­nen, son­dern sie begrü­ßen und ihnen Hil­fe­stel­lun­gen geben“. Nicht nur für die Besu­cher sei die­ser Begriff ein­la­den­der, son­dern er ver­än­de­re auch die eige­ne Ver­hal­tens­wei­se: den Got­tes­dienst­be­su­chern das Gefühl des Will­kom­men sein“ zu ver­mit­teln. Mag die­se Begriffs­än­de­rung auch banal klin­gen, für uns spie­gelt das unse­re Grund­hal­tung“, so Winklbauer.

Er möch­te aber nicht miss­ver­stan­den wer­den: Mir ist das Christ­kind in der Krip­pe sehr wohl wich­tig, Tra­di­tio­nen sind der Mör­tel in unse­ren Gemein­schaf­ten, aber eben nicht die Zie­gel. Ich durf­te in die­sem Jahr schon unzäh­li­ge leben­di­ge Zie­gel­stei­ne erle­ben, so dass es mir nicht ban­ge wird für die Zukunft unse­rer Gemein­schaft“. Lei­der sei er aber auch Mau­rern der Kir­che begeg­net, die ver­lernt hät­ten mit die­sen leben­di­gen Stei­nen“ etwas Neu­es auf­zu­bau­en: Mau­rer, die in sich das Ver­trau­en ver­lo­ren haben, neue Gebäu­de zu bau­en. Maue­rer und Archi­tek­ten, die mei­nen sie müs­sen eine ein­zi­ge gro­ße Kir­che bau­en, in der alle Platz fin­den, anstatt die vie­len klei­nen Got­tes­häu­ser zu unter­stüt­zen, die die Men­schen sel­ber bauen“.

Mar­tin Winklbau­er hält sich selbst für kei­nen Bau­meis­ter, kei­nen Archi­tek­ten – bes­ten­falls einen Mau­rer … und, ja ein Christ­kind“. Geburts­tag habe er zwar auch noch an Weih­nach­ten, aber das sei eher neben­säch­lich, weil bei uns der Namens­tag gewich­ti­ger ist“. Und so freut er sich auf Weih­nach­ten, nicht wegen mei­nes Geburts­tags, son­dern wegen der vie­len klei­nen Got­tes­häu­ser in den Woh­nun­gen unse­rer Pfarrei“.

Text: Wolf­gang Terhörst