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„Maria ist die Kirche“ – Gedanken zum Hochfest Mariä Himmelfahrt

Michael Glaß am 04.08.2020

2020 08 03 aoelfb madonna institutskirche cj altoetting info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Darstellung – der Gottesmutter Maria mit einem Kranz aus zwölf Sternen und Ihrem Sohn auf dem Arm – in der Institutskirche der Congregatio Jesu in Altötting.

Eine eigenartige Lesung wird am Hochfest Mariä Himmelfahrt zum Auftakt des Wortgottesdienstes verkündet, ein Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes. In einer seiner Visionen erblickt der Seher auf Patmos ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Ein Zeichen, das sich nicht leicht entschlüsseln lässt.

2020 08 03 aoelfb madonna institutskirche cj altoetting info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Darstellung – der Gottesmutter Maria mit einem Kranz aus zwölf Sternen und Ihrem Sohn auf dem Arm – in der Institutskirche der Congregatio Jesu in Altötting.

Das Gros der Exege­ten meint, man dür­fe die­ses Zei­chen nicht mit Bezug auf Maria deu­ten, die Geburt ihres Kin­des nicht im Hin­blick auf die Geburt Jesu, viel­mehr sei mit der Frau das jüdi­sche Volk Got­tes zur Zeit des Mes­si­as gemeint. Wenn dem so ist, war­um wur­de dann die­ser Text in die Lit­ur­gie des Hoch­fes­tes Mariä Him­mel­fahrt auf­ge­nom­men? Ahnungs­los? Wohl kaum, denn man kann die­sen bibli­schen Text in mehr­fa­cher Hin­sicht alle­go­risch lesen und aus­le­gen, und so die ver­schie­de­nen Deu­tun­gen um eine Vari­an­te berei­chern. Wenn dem so ist, was sagt uns dann die bibli­sche Perikope?

Dazu fin­det sich bei einem gro­ßen geist­li­chen Meis­ter des hohen Mit­tel­al­ters, dem Abt Bern­hard von Clairvaux (10901153), eine inter­es­san­te Anre­gung. In einer Pre­digt zum Sonn­tag in der Oktav von Mariä Him­mel­fahrt – die­se Wochen­fei­er war zu Bern­hards Zei­ten zumin­dest bei den maria­nisch gepräg­ten Zis­ter­zi­en­sern üblich – sagt er sei­nen 200 Mön­chen im Her­zen der Cham­pa­gne: Glaubst du nicht, dass sie (Maria) die mit der Son­ne beklei­de­te Frau ist? Mag sein, dass der Ablauf der pro­phe­ti­schen Visi­on einen Hin­weis dar­auf gibt, dass dies von der gegen­wär­ti­gen Kir­che her zu ver­ste­hen sei. Trotz­dem wird es sicher nicht unpas­send schei­nen, es auf Maria zu bezie­hen.“ (Ger­hard B. Wink­ler (Hg.), Bern­hard von Clairvaux. Sämt­li­che Wer­ke. Inns­bruck 1990ff. Bd. VIII, 597.) Bern­hard kennt also die Deu­tungs­pro­ble­ma­tik; und den­noch erkennt er in der Frau nicht das jüdi­sche Got­tes­volk, son­dern die gegen­wär­ti­ge Kir­che“ und er erlaubt sich, besag­ten Pas­sus im Hin­blick auf Maria aus­zu­le­gen. Was sagt nun der Text bei die­ser Deutung?

2020 08 03 aoelfb maria immaculata in unterneukirchen info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Darstellung Maria Immaculata in Unterneukirchen – die Gottesmutter trägt einen Kranz mit zwölf Sternen.

Die Frau, sprich Maria, ist mit der Son­ne beklei­det. Sie steht folg­lich in strah­len­dem Licht, von der Kraft und Wär­me der Son­ne umge­ben. Bern­hard zieht eine Par­al­le­le von Maria und der Son­ne zu Mose und dem bren­nen­den Dorn­busch, aus dem die Stim­me des HERRN sprach, der sich offen­bar­te als der Ich bin, der ich bin“. (Ex 3,14) Der bren­nen­de Dorn­busch wie die glü­hen­de Son­ne ste­hen für die Kraft, Macht und Schön­heit Got­tes. Nor­ma­ler­wei­se ver­brennt ein glü­hen­der Dorn­busch; nor­ma­ler­wei­se kann ein Mensch die Kraft der sen­gen­den Son­ne in deren unmit­tel­ba­rer Nähe unmög­lich ertra­gen. Das ver­mag kei­ne mensch­li­che Kraft“, so pre­digt Bern­hard, auch nicht die eines Engels, das ver­mag nur eine höhe­re Macht.“ (603) Und so schlägt er eine Brü­cke zur Ver­kün­di­gungs­ge­schich­te, in wel­cher der Engel Gabri­el Maria zusagt: Hei­li­ger Geist wird über dich kom­men und die Kraft des Höchs­ten wird dich über­schat­ten.“ (Lk 1.35) Die Son­ne sym­bo­li­siert die Kraft Got­tes. Sie bewirkt als schüt­zen­des Kleid Mari­ens, dass Maria zwar inner­lich in Lie­be zu Gott brennt, aber nicht ver­brennt. Und sie bringt durch Maria ein Kind zur Welt, das hei­lig ist und Sohn Got­tes genannt wird. Die­se Son­nen­kraft Got­tes besagt, dass Maria ganz hell, klar und strah­lend rein ist und bleibt. Ganz weiß doch auch ganz heiß ist das Kleid die­ser Frau: Man sieht, dass alles an ihr in so außer­or­dent­li­cher Wei­se ange­strahlt wird, dass man in ihr – ich sage nicht nur nichts Fins­te­res –, son­dern nicht ein­mal etwas, was halb­dun­kel oder weni­ger hell, und auch nichts, was lau oder nicht glü­hend heiß ist, ver­mu­ten darf.“ (599)

Die Frau trägt aber auch ein Dia­dem aus zwölf Ster­nen. Das könn­te ein Hin­weis auf die zwölf Stäm­me Isra­els sein und indi­rekt auch auf die Kir­che, basiert doch die jesua­ni­sche Samm­lungs­be­we­gung ganz auf den jüdi­schen Vor­aus­set­zun­gen, wes­halb man mit dem frü­he­ren Regens­bur­ger Neu­tes­ta­ment­ler Prof. Franz Muß­ner und mit Papst Johan­nes Paul II. sagen kann, die Juden sei­en die älte­ren Brü­der und Schwes­tern“ der Chris­ten. Allein aus die­sem Grund kann und darf unter Chris­ten nie­mals Raum für anti­se­mi­ti­sche Res­sen­ti­ments sein.

Und was hat es schließ­lich mit dem Mond auf sich? Für gewöhn­lich, so Bern­hard, ist der Mond ein Sym­bol für Ver­än­der­lich­keit“, für die Tor­heit des Geis­tes“. In die­ser bibli­schen Peri­ko­pe jedoch für die Kir­che die­ser Zeit“. (599). Wie der Mond nicht aus sich selbst leuch­tet, son­dern Kraft des Son­nen­glan­zes, so kann die Kir­che nie aus sich selbst strah­len, son­dern nur in und aus der Kraft Got­tes. Allein dies soll­te die Kir­che mah­nen, sich nie zu sehr mit sich selbst zu beschäf­ti­gen, sich nicht in end­lo­ser Nabel­schau zu erge­hen, son­dern sich ganz dem Glau­ben an Gott, dem Bekennt­nis zu Gott und der dar­aus resul­tie­ren­den Sen­dung zu wid­men, erhält sie doch allein von ihm – wie der Mond von der Son­ne – ihren Glanz.

Maria ist Mittlerin, Anwältin der Menschen bei Gott

2020 08 03 aoelfb schutzmantelmadonna ering inn info-icon-20px Foto: Dionys Asenkerschbaumer
Platz für alle Christen: Maria birgt alle damals bekannten Stände – Adel, Klerus, Volk – unter ihrem Mantel. Steinerne Darstellung einer Schutzmantelmadonna aus dem Jahr 1441, Pfarrei Ering am Inn.

Nun ist von die­sem Glanz in unse­ren Tagen wenig zu bemer­ken. Ein Grau­schlei­er hat sich über die Kir­che gelegt, ja, eine dich­te Rauch­wol­ke, wie sie aus Not­re Dame und jüngst aus der Kathe­dra­le von Nan­tes auf­stieg. Ist die Kir­che am Abfa­ckeln? Löst sie sich in Schall und Rauch auf? Kön­nen und dür­fen wir die­se bei­den Rauch­zei­chen als Mah­nung zur Rei­ni­gung, von der unser papa em. Bene­dikt so häu­fig sprach und dabei auf wenig Ver­ständ­nis stieß, als Ermu­ti­gung zur Erneue­rung der Kir­che ver­ste­hen oder läu­ten ihre Glo­cken gar die apo­ka­lyp­ti­sche End­zeit ein, wel­cher ein gewal­ti­ger Nie­der­gang des Glau­bens vor­aus­ge­hen wird? Tech­nisch sind wir der­zeit mit der Ent­wick­lung künst­li­cher Intel­li­genz auf dem bes­ten Weg zur Per­fek­ti­on; mora­lisch-ethisch jedoch mit Ver­laub so deka­dent wie kurz vor dem Unter­gang des römi­schen Rei­ches (Bran­droh­dung des Regen­wal­des, haus­ge­mach­te Kli­ma­ka­ta­stro­phe, Betrug als (Abgas-)Methode, Wahr­heit als Fake, Umer­zie­hungs­la­ger als Bildungs“anstalten, Kir­chen­schän­dun­gen etc.) Da stellt sich schon die Fra­ge, was man als Christ gegen die aus der Kir­che auf­stei­gen­den Nebel- und Rauch­schwa­den tun kann. Dar­auf weiß Bern­hard eine Ant­wort: Er ver­weist uns auf eine Frau aus dem Lösch­zug der himm­li­schen Fei­er­wehr“, die die­sen Brand zu löschen vermag.

In besag­ter Pre­digt beleuch­tet er einen beden­kens­wer­ten Aspekt. In der Visi­on des Johan­nes, so Bern­hard, steht die Frau, sprich Maria, zwi­schen Son­ne und Mond, d.h. zwi­schen Gott und der Kir­che. Dies ver­weist uns auf die Mitt­ler­schaft Mari­ens. Offen­sicht­lich gefiel es Gott, sie nicht nur zur Mut­ter sei­nes Soh­nes zu erwäh­len, son­dern auch zur (Ver-)Mittlerin zwi­schen Gott und den Men­schen. Und genau des­halb sieht die Kir­che Maria als die gro­ße Frau­en­gestalt; und genau des­halb wall­fah­ren seit Jahr­hun­der­ten Men­schen zu Orten, an denen Maria ver­ehrt wird.

Der kürz­lich ver­stor­be­ne Hei­del­ber­ger Neu­tes­ta­ment­ler Prof. Klaus Ber­ger erach­tet die Dop­pel­deu­tung der Frau im Hin­blick auf Maria wie auf die Kir­che für legi­tim. In Maria ver­dich­tet‘ sich das gan­ze Volk.“ Alles, was von Maria gesagt sei, gel­te auch von der Kir­che und umge­kehrt.“ Davon, so Ber­ger, waren selbst die Refor­ma­to­ren über­zeugt. Bei der mario­lo­gi­schen Deu­tung des Got­tes­vol­kes stellt Maria die­ses Volk nicht ledig­lich sym­bo­lisch dar, son­dern wirk­lich. Der Gedan­ke der Schutz­man­tel-Madon­na bringt das gut zum Aus­druck: alle die vie­len Chris­ten unter einem Man­tel. Maria ist die Kir­che.“ Unser Foto zeigt eine stei­ner­ne Schutz­man­telm­a­don­na aus der Pfar­rei Ering am Inn, datiert auf das Jahr 1441. Nebst dem Stif­ter­paar am unte­ren Bild­rand fin­den alle damals bekann­ten Stän­de – Adel, Kle­rus, Volk – unter ihrem Man­tel Schutz und Schirm. In die­sem Sin­ne ist Maria die Kir­che. Das sagt übri­gens der Pas­sau­er Bischof Ste­fan Oster immer wie­der; und so, wie dies Bern­hard von Clairvaux und der Bern­hard-Ken­ner Klaus Ber­ger beschrei­ben, wird es verständlich(er): In Maria ver­dich­tet“, kom­pri­miert“ sich Kir­che. (Klaus Ber­ger, Kom­men­tar zum neu­en Tes­ta­ment. Güters­loh 20111026)

Weil sie Mitt­le­rin ist, Anwäl­tin der Men­schen bei Gott, emp­fiehlt Bern­hard sei­nen Mön­chen und uns, zu Maria zu rufen, sie anzu­ru­fen und als wich­ti­ge Für­spre­che­rin bei Gott zu erken­nen. Der aus dem Adel stam­men­de Bern­hard emp­fiehlt daher sei­nen Mön­chen im 12. Jahr­hun­dert und uns heu­te in höfi­schem Sprach­fall: Umfan­gen wir die Füße Mari­ens, mei­ne Brü­der (und Schwes­tern), und wer­fen wir uns mit demü­ti­gen Bit­ten vor ihren seli­gen Füßen nie­der. Hal­ten wir sie fest und las­sen wir sie nicht los, bis sie uns geseg­net hat: Sie hat näm­lich die Macht dazu.“ (601).

Text: Dom­vi­kar Msgr. Bern­hard Kirchgessner

2020 08 03 aoelfb schutzmantelmadonna muenchen liebfrauendom info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Darstellung einer Schutzmantelmadonna in der Liebfrauenkirche München.