
Plötzlich öffnet sich eine andere Welt. Wasser plätschert und spielt die Melodie des Lebens. Vor einer Felsgrotte leuchtet der Schriftzug „Ehre sei Gott in der Höhe“. Ein paar Schritte weiter verfängt sich der Blick aufwärts in Lichternetzen, gekrönt vom Sternenhimmel. Überall entdeckt man eine überraschende Fülle an Feinheiten, auch bei den Figuren. Still und warm fühlt man sich in der Pfarrkirche Sankt Martin in Drove empfangen, wo sich ein imposantes Werk der Krippenfreunde befindet.
Der Ort Drove liegt etwa zehn Kilometer südlich der nordrhein-westfälischen Kreisstadt Düren am Rand der Eifel und des Naturschutzgebietes Drover Heide. Das Leben fließt bescheiden dahin, die Straßenzüge wirken proper, in Nachbarschaft wölbt sich ein sachter Höhenzug auf. Stolz ist man hier bis heute auf einen schriftstellerischen Splitter von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll: den Essay „Die Juden von Drove“.
Der Spitzturm und ein kunstvolles Holzportal drücken der Martinskirche in Außenansicht die Stempel auf. Drinnen leisten die Krippenfreunde Drove jedes Jahr ganze Arbeit und gestalten eine Krippenlandschaft besonderer Dimensionen. 25 Meter lang und vier Meter hoch sind die Aufbauten und Szenenfolgen. Besucher spazieren an einem Wüstenpanorama ebenso entlang wie an einem typischen Eifeldorf mit Miniaturen von einer Kirche und Fachwerkhäusern, die sich über mehrere Höhenstufen verteilen. In die Gestaltung wandern über 2.000 LED-Lichter und 1.500 Bögen Felsenpapier. Hinter alldem steckt die Sankt Matthias-Bruderschaft. „Wir sind zu neunt“, sagt Stefan Schäfer (69), Rentner wie die meisten seiner Kollegen. Und die investieren in der Adventszeit selbstlos viele hundert Arbeitsstunden, um dem örtlichen Tempel des Herrn zwischen dem 22. Dezember und 19. Januar eine ganz besondere Stimmung zu verleihen – samt einem kleinen Wasserfall und historischen Krippenfiguren aus dem Jahre 1910. Diese Figuren sind aus Wachs, angeführt von der Heiligen Familie und den Drei Königen, andere aus Holz.
Nebenbei lohnt natürlich auch, die übrige Kirche, die aus den Anfängen des 16. Jahrhunderts stammt, eingehender zu betrachten. Über dem Mittelschiff schwebt ausdrucksstark der Gekreuzigte, im Seitenschiff gegenüber flammt ein kleines Kerzenmeer vor der Skulptur einer gotischen Madonna mit Kind.
Passionierte Handwerker und Tüftler

Die Krippe von Drove, wie sie heute fasziniert, erlebte ihre Geburt Mitte der 1970er-Jahre. Dagegen blättert man bei der Sankt Matthias-Bruderschaft um Einiges länger im Buch der Geschichte zurück. Bereits 1695, erzählt Stefan Schäfer, wurde eine Wallfahrt der Drover Bruderschaft zum Apostelgrab des heiligen Matthias in Trier urkundlich erwähnt. Die Tradition hält die Gruppe aufrecht. „Wir pilgern einmal im Jahr nach Trier, drei Tage um Christi Himmelfahrt“, sagt Schäfer. Während des übrigen Jahres bringen sich die meisten Bruderschaftler ins lokale Kirchenleben ein, zum Beispiel bei Wortgottesdiensten.
So richtig auf Hochtouren kommt die ambitionierte Gemeinschaft etwa drei Wochen vor Heiligabend, wenn es an den Neuaufbau der Krippe geht. Das Gerüst ist ein Standardmodell, „aber wir dürfen nicht bohren, nicht festschrauben“, sagt der gelernte Maler Schäfer, der seit einem Vierteljahrhundert mit von der Partie ist. Wie er sind die übrigen Mitglieder passionierte Handwerker, Tüftler, die im Vergleich zum Vorjahr immer wieder Veränderungen einbauen. Überall dringt die Liebe zum Detail durch. Da zieht ein kleiner Tross mit Kamelen vor dem Hintergrundbild einer Wüstenlandschaft voran. Da blickt man über Schafe und Gatter hinweg auf erleuchtete Fenster der Fachwerkbauten, die gleichsam Lichter der Hoffnung, der Freude geben. Da sprießen um die Krippe Grünpflanzen aus den Felsen hervor, legen sich Äste über das Krippendach, von dem ein Engelsfigürchen schwebt. Irgendwo anders sitzt ein Mann mit einer Flöte am wärmenden Feuer, hütet ein Hirtenkind Lämmer, dreht sich ein Mühlrad, bezeugen Brückchen aus Aststücken die filigrane Handarbeit der Krippenbaumeister. Unter den Tierfiguren findet sich ein Eichhörnchen. Und es gibt sogar einen Goldfischteich. Eingetaucht liegt das Ganze in Farbtönen da, die in Rot, Gelb, Grün miteinander harmonieren. Wirklich stimmungsvoll!
„Zwischen 5.000 und 6.000 Besucher“, schätzt Schäfer, erfreuen sich alljährlich an der Drover Krippe. Darunter sind regelrechte Spezialisten, die „von Krippe zu Krippe“ fahren, weiß Schäfer, aber auch Eifelvereins- und Tagespflegegruppen, Familien mit Kindern, jedwede Individualisten. Der Eintritt ist kostenlos. Wer mag, hinterlässt eine Spende in einer Box. Ein Teil der auf diesem Weg gewonnenen Einnahmen kommt laut Schäfer der Aufrechterhaltung der Krippe zu, wo jedes Jahr Pumpen ausgebessert, Papierbögen neu gekauft werden müssen. Ein anderer Teil der Spendengelder fließt wohltätigen Zwecken zu, ob dem Kinderkrankenhaus in Bethlehem oder Projekten vor Ort in Drove.
Ein Plus für Besucher: Es gibt kein Fotografierverbot. So kann sich jeder seine persönlichen Fotosouvenirs von der Drover Krippe mit nach Hause nehmen.
Text: Andreas Drouve