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Bereitschaft zu Unruhe – ein Zwischenruf zu Pfingsten

Michael Glaß am 26.05.2020

2020 05 25 aoelfb wallfahrt legio mariae in altoetting info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Lebendige Kirche: Impression von der Wallfahrt der Legio Mariae, die traditionell am Pfingstmontag in Altötting eintreffen und in der St. Anna-Basilika Gottesdienst feiern.

Hatten Sie schon einmal das Gefühl: „Es gibt ihn eben doch, den Heiligen Geist“? Hatten Sie in Ihrem Leben schon mal den Eindruck, dass es wirklich der Heilige Geist war, der da seine Finger im Spiel hatte? Ein Zwischenruf.

2020 05 25 aoelfb kapuziner pater christophorus goedereis info-icon-20px Foto: Kapuziner
Bruder Christophorus Goedereis OFMCap, Kapuzinerprovinzial

Ich per­sön­lich hat­te die­ses Gefühl am Abend des 13. März 2013, als es hieß: Habe­mus papam! Wir haben einen neu­en Papst, und der gibt sich den Namen Fran­zis­kus.“ An jenem Abend saß ich vor dem Fern­se­her und dach­te nur: Wow, Fran­zis­kus!“ Ich konn­te es kaum fas­sen. Es lief mir heiß und kalt den Rücken run­ter. Ich hat­te Trä­nen in den Augen und bekam eine Gän­se­haut. Soll­te es die­ser neue Papst wirk­lich ernst mei­nen mit dem Namen Fran­zis­kus, dann kön­nen wir uns auf etwas gefasst machen. Dies war einer der Augen­bli­cke in mei­nem Leben, in dem ich spon­tan dach­te: Es gibt ihn eben doch, den Hei­li­gen Geist!“

Immer dann, wenn im Leben etwas in Bewe­gung gerät, wenn Schwung rein­kommt, wenn eine Sache so rich­tig Fahrt auf­nimmt – dann hat man schon mal die­ses Gefühl: Na, wenn das mal nicht der Hei­li­ge Geist gewe­sen ist! Nur, mit dem Hei­li­gen Geist ist das so eine Sache. Wenn etwas in Bewe­gung gerät, dann sind kei­nes­wegs immer alle nur begeis­tert. Was für die einen mit dem Hei­li­gen Geist zu tun hat, ist für die ande­ren womög­lich ein Quäl­geist oder ein Unru­he­stif­ter, der alles durch­ein­an­der­bringt. Es heißt ja nicht umsonst: Wenn der Wind der Ver­än­de­rung weht, bau­en die einen Wind­müh­len und die ande­ren Mauern.“

Man redet heu­te ger­ne von Inspi­ra­ti­on. Auch die Kir­che redet stän­dig von Auf­bruch und Bewe­gung. Und dann spricht sie auch ger­ne vom Hei­li­gen Geist. Aber wehe, wenn der Hei­li­ge Geist dann weht – und am Ende auch noch so, wie wir sel­ber es gar nicht geplant haben! Denn der Hei­li­ge Geist weht ja bekannt­lich, wo er will. Du hörst sein Brau­sen“, heißt es im Johan­nes­evan­ge­li­um, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht“ (Joh 3,8).

„Trauen wir dem Heiligen Geist zu, dass er vielleicht gerade dort weht, wo die Dinge eben nicht mehr so gehen wie früher?“

2020 05 25 aoelfb muenchen ramersdorf heilig geist taube info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Er weht, wo er will: Darstellung des Heiligen Geistes als Taube in der Pfarrkirche Maria Ramersdorf, München.

50 Tage nach Ostern fei­ert die Kir­che das Pfingst­fest. Anlass, ein wenig über den Hei­li­gen Geist nach­zu­den­ken. Schau­en wir in die Bibel, dann kom­men wir zu inter­es­san­ten Erkennt­nis­sen. In der hebräi­schen Spra­che des Alten Tes­ta­ments gibt es für den Geist Got­tes den Begriff ruach“. Die­ses Wort ist weib­lich und bedeu­tet Wind, Atem, Hauch. Im Alten Tes­ta­ment bewirkt der Atem des Herrn die Schöp­fung. Er hat eigent­lich immer etwas zu tun mit dem Geschaf­fen-Wer­den, mit dem Neu-Wer­den, mit Krea­ti­ven (crea­tio = Schöp­fung). Sen­dest du dei­nen Geist aus, so wer­den sie alle geschaf­fen“, heißt es in Psalm 104. In der grie­chi­schen Spra­che des Neu­en Tes­ta­ments gibt es für den Geist das Wort pneu­ma“. Zu deutsch: Wir­bel, Wind­hauch oder auch Wind­druck. Im Johan­nes­evan­ge­li­um begeg­net uns auch noch das Wort para­klet: der Trös­ter, der Bei­stand. Maria emp­fängt Jesus durch den Hei­li­gen Geist“ (Lk 1,35). Auch damit beginnt etwas Neu­es. Der Hei­li­ge Geist kommt bei der Tau­fe auf Jesus her­ab (Mt 3,1317). Auch damit beginnt etwas Neues.

Und Jesus sagt sei­nen Jün­gern in den soge­nann­ten Abschieds­re­den des Johan­nes­evan­ge­li­ums: Es ist gut für euch, dass ich von euch fort­ge­he. Denn wenn ich nicht fort­ge­he, wird der Bei­stand nicht zu euch kom­men; gehe ich aber, so wer­de ich ihn zu euch sen­den“ (Joh 16,7). Auch das darf man sich mal auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen. Sinn­ge­mäß wird da gesagt: Es ist gut, dass ich fort­ge­he. Es ist gut, dass ihr in die Kri­se gera­tet. Es ist gut, dass ihr erst ein­mal ori­en­tie­rungs­los seid. Es ist gut, wenn ihr mal nicht wei­ter wisst. Ihr müsst da sozu­sa­gen durch. Wie das Kind durch den Geburts­ka­nal durch muss. Wie Jesus durch Kreuz und Tod hin­durch­muss­te, so müsst auch ihr, so muss auch die Kir­che durch man­ches hin­durch. Und das alles hat etwas mit mir, dem Hei­li­gen Geist, zu tun.

Chris­ti­an Schütz hat es im Lexi­kon für Spi­ri­tua­li­tät auf den Punkt gebracht: So steht die Kir­che ganz unter dem Gesetz des Geis­tes, das auf ein Neu-Wer­den und Sich-wan­deln-Las­sen zielt. Der Geist zwingt die Kir­che, dass sie fort­wäh­rend sich sel­ber über­schrei­tet auf Gott hin sowie auf die Welt und ihre Heim­ho­lung hin. Wenn die Kir­che Ort und Sakra­ment des Geis­tes ist, dann besitzt ihr Leben und Tun einen aus­ge­spro­chen spi­ri­tu­el­len Cha­rak­ter. Sie sel­ber soll und will nicht mehr sein als Bau, Woh­nung oder Tem­pel Got­tes. Das wird sie um so mehr sein, je mehr sie im Geist um ihre eige­ne Rela­ti­vi­tät weiß und bemüht ist.“

Neu-Wer­den, Sich-wan­deln-las­sen, sich fort­wäh­rend sel­ber über­schrei­ten auf Gott hin, um die eige­ne Rela­ti­vi­tät wis­sen – das sind die Geis­tes-Hal­tun­gen, an die uns das Pfingst­fest jedes Jahr neu erinnert.

Trau­en wir dem Hei­li­gen Geist zu, dass er viel­leicht gera­de dort weht, wo die Din­ge eben nicht mehr so gehen wie frü­her? Trau­en wir dem Hei­li­gen Geist zu, dass er viel­leicht gera­de dort am Wer­ke ist, wo wir in die Kri­se gera­ten? Könn­te der Hei­li­ge Geist viel­leicht gera­de dort sein Wesen trei­ben, wo es für uns unru­hig und unbe­quem wird? Und wenn es denn so wäre – wovor haben wir denn dann eigent­lich Angst?

Ich wün­sche allen Lese­rin­nen und Lesern ein fro­hes Pfingst­fest – und die Bereit­schaft zur Unruhe.

Text: Bru­der Chris­to­pho­rus Goe­der­eis OFMCap