„Allen kann man es ja nie recht machen“ – Interview mit Kapuzinerpater Norbert Schlenker

Fast acht Jahre lang hat Pater Norbert Schlenker in Altötting Verantwortung getragen – als Leiter der beiden Kapuzinerkonvente sowie als stellvertretender Wallfahrtsrektor. Am 1. September nun endete sein Dienst im Gnadenort. Zeit für einen Rückblick, in dem der allseits geschätzte Geistliche wie gewohnt kein Blatt vor den Mund nimmt.

„Wenn Menschen festgefahren und unbeweglich sind, dann wird es schnell langweilig“. Das, lieber Pater Norbert, haben Sie Anfang dieses Jahres in einem Interview gesagt. Langweilig ist es Ihnen mit den vielen Aufgaben in Altötting kaum geworden, oder?
Pater Norbert: Richtig – es gab eigentlich immer etwas zu tun in den beiden Konventen und in der Wallfahrt. Die Leitung der beiden Konvente St. Magdalena und St. Konrad mit rund 25 Brüdern und gut zehn Angestellten erforderte viele Überlegungen, Absprachen, Gespräche und Planungen. Dazu kamen alle paar Wochen Sitzungen des Provinzrates der Deutschen Kapuzinerprovinz, dem ich seit 2016 auch angehöre, und das war dann mit Reisen in die verschiedensten Klöster verbunden, da wir diese Sitzungen nicht immer an gleichen Ort halten. In der Coronazeit waren das dann Videokonferenzen. Die Sitzungen der Wallfahrtsleitung fanden zumindest in der Hauptwallfahrtszeit wöchentlich statt. Dann natürlich die Vorbereitung der Gottesdienste und Predigten, die Präsenz im Beichtzimmer und die Begegnung mit zahlreichen Menschen mit ihren verschiedensten Anfragen, Problemen und Wünschen am Telefon, an der Klosterpforte oder bei anderen Gelegenheiten.
Ihre Amtszeit in Altötting begann Anfang 2014 mit dem Schlussakkord der großen Sanierung der St. Anna-Basilika. Kurz darauf hatten Sie ein weiteres großes Bauvorhaben zu stemmen: Sanierung und Umbau der Bruder-Konrad-Kirche. Für Pläne und Umsetzung gab es viel Zuspruch, aber auch einigen Gegenwind. Wie zufrieden sind Sie heute, drei Jahre nach dem Abschluss der Arbeiten, mit dem Ergebnis und den Rückmeldungen der Gläubigen zum neuen Innenraum?
Pater Norbert: Ich bin sehr dankbar, dass ich die Generalsanierung dieser beiden Kirchen mitgestalten durfte und vor allem auch, dass wir im Zeit- und Finanzrahmen geblieben sind, ebenso bin ich für alle eingegangenen Spenden und Unterstützungen dankbar. Da beides Ordenskirchen sind, konnten wir Kapuziner das meiste selbst entscheiden und es blieben uns komplizierte und zeitraubende Gremiensitzungen weitgehend erspart. Auch bin ich gerade bei der Konradkirche unserem Landrat sehr dankbar, der uns bei den Bedenken und Einwänden des Denkmalamtes sehr unterstützt hat. Nach meiner Einschätzung sind gut 90 % der Rückmeldungen zur Neugestaltung der Konradkirche positiv, aber allen kann man es ja nie recht machen. Nun sind ja auch alle Mitbrüder an St. Konrad angesiedelt und sie werden sehr bemüht sein, dieses Gotteshaus mit dem Grab unseres heiligen Mitbruders mit Leben zu erfüllen und in seinem Sinn weiter am Gnadenort zu leben und zu wirken.
„Die Wallfahrt, das Unterwegssein an sich, bringt Glaubenserfahrungen mit sich“

Kaum sind die großen Bauvorhaben geschafft, müssen Sie sich nun von einem Kloster in Altötting verabschieden: St. Magdalena. Hier haben Anfang September die Brüder Samariter (FLUHM) übernommen. Schmerzt Sie der Mangel an Ordensnachwuchs, der dem zugrunde liegt?
Pater Norbert: Zunächst einmal: es war wirklich an der Zeit, dass wir Kapuziner uns vom Magdalenakloster getrennt haben. Als Mitglied des Provinzrates sehe ich nicht nur ein einzelnes Kloster, sondern habe die gesamte Provinz im Blick. Das Magdalenakloster mit seinem großen Areal hatte einen hohen Personal- und Kostenaufwand. Wir schreiben hier schon seit langen Jahren rote Zahlen, d.h. wir wurden von der Provinz finanziell unterstützt. Und bei der Gesamtsituation unserer Ordensprovinz sind zwei Klöster an einem Ort ein „no go“. Manche Mitbrüder, die schon lange in Altötting leben, sehen das vielleicht etwas anders, aber wir Kapuziner müssen und möchten auf die „Zeichen der Zeit“ reagieren. Und dass wir uns von Niederlassungen trennen müssen – St. Magdalena wird nicht das letzte Kloster gewesen sein – hat natürlich mit der Überalterung und dem fehlenden Nachwuchs zu tun. Das ist schmerzhaft, aber wir können immer nur mit den Brüdern arbeiten, die wir haben und die versuchen wir, ihren Begabungen und Fähigkeiten entsprechend einzusetzen.
Nicht nur das Ordensleben verändert sich, auch die Wallfahrt hier am Gnadenort. Es kommen weniger große Wallfahrten, dafür mehr Individualpilger. Die Corona-Pandemie hat zu einem dramatischen Einbruch geführt. Droht die Wallfahrt zum Tourismus-Event zu werden? Wie lässt sich der religiöse Charakter erhalten und stärken?
Pater Norbert: Die großen Wallfahrten konnten coronabedingt jetzt schon im zweiten Jahr nicht stattfinden und ich denke, es wird noch einige Zeit dauern, bis sie wieder möglich sind und wenn sie wieder kommen dürfen, werden sie zahlenmäßig sicher kleiner sein. Diese großen Wallfahrten haben ihr festes Programm, das sich jedes Jahr wiederholt. Ihr Aufenthalt am Gnadenort ist zeitlich meist knapp. Die Wallfahrt, das Unterwegssein an sich, bringt Glaubenserfahrungen mit sich und so sind diese unterstützenswert und hier sehr willkommen. Eine andere Chance haben Einzelpilger oder kleinere Gruppen, die eher voreingenommen hierherkommen und dann auch Neues entdecken – und es gibt in Altötting soviel Sehens- und Besuchenswertes, das viele regelmäßige Altötting-Wallfahrer längst noch nicht kennen. Überall kann man wertvolle Impulse bekommen, sodass auch derjenige, der „nur“ als Tourist nach Altötting kommt, mit katholischem Glauben und christlicher Kultur konfrontiert wird. Gerade seit der Coronazeit machen wir auch bei den Beichtgesprächen die Erfahrung, dass es zwar weniger Beichten gibt, aber die meisten, die stattfinden, haben an Qualität gewonnen. Das Bedürfnis, sich aussprechen zu können, ist da. und Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung entspricht dem Evangelium. Das wird immer junge Menschen interessieren und ansprechen. Wieviele von ihnen der Herr in seine engere Nachfolge und in seinen Dienst ruft, ist seine Sache, wir dürfen und sollen aber in diesem Anliegen beten.
„Ich durfte meinen Weg als Kapuziner und Priester eigentlich immer sehr geradlinig gehen und habe meine Entscheidung für diesen Weg nie bereut“

Sie sind seit bald 50 Jahren Kapuziner – gab es Momente des Zweifels am gewählten Glaubens- und Lebensweg? Was hat Sie bestärkt in all der Zeit?
Pater Norbert: Ich durfte – Gott sei Dank – meinen Weg als Kapuziner und Priester eigentlich immer sehr geradlinig gehen und habe meine Entscheidung für diesen Weg, die ich ja schon früh getroffen habe, nie bereut. Stärkend und ermutigend erlebe ich die Gebets- und Gottesdienstgemeinschaft sowohl im Kreis der Mitbrüder wie auch mit den Gläubigen in der großen Vielfalt kleiner Gruppen in den Werktagsgottesdiensten und bei den Sonntags- und Festgottesdiensten. „Gott, der beruft, gibt auch die Kraft dazu“, dieses Wort des Bischofs bei meiner Priesterweihe ist mir in guter Erinnerung und ich glaube daran, dass der Heilige Geist in der gesamten Kirche wie auch bei jeder und jedem einzelnen wirkt, so auch bei mir.
Wenn Sie auf die Jahre in Altötting zurückblicken: Woran erinnern Sie sich besonders gerne, und woran vielleicht weniger gerne (immerhin ermittelte 2018 die Staatsanwaltschaft gegen Sie und Wallfahrtsrektor Günther Mandl wegen der Gewährung von Kirchenasyl für Flüchtlinge)?
Pater Norbert: Ja, genau das war eine der negativsten und enttäuschendsten Erfahrungen in den knapp acht Jahren hier. Wir Kapuziner haben mit den Kirchenasylanten, die wir aufgenommen haben – und das waren ja einige – durchweg positive Erfahrungen gemacht. Unterstützung fanden wir bei der Bistumsleitung und anderen kirchlichen Stellen. Sehr problematisch sehe ich bis in neuere Zeit die Haltung bayerischer Politiker, der Verwaltung und der Juristen in der Flüchtlingsfrage. Menschen, die zu uns kommen und schreckliche Erfahrungen hinter sich haben, bekommen statt Unterstützung weitere Steine in den Weg gelegt und diejenigen, die für Flüchtlinge Stellung beziehen, müssen mit Konsequenzen rechnen.
Ich möchte noch zwei weitere Punkte ansprechen, die mir nicht in guter Erinnerung an Altötting bleiben werden: da gibt es die rücksichtslosen Autofahrer (oft mit AÖ-Kennzeichen), die bei Einbegleitungen – manchmal auch mit laut aufgedrehtem Radio – an der Pilgergruppe vorbeifahren, andere rauschen ohne Beachtung der Geschwindigkeitsbegrenzung (Tempo 10!) an unseren beiden Klosterkirchen vorbei. So etwas trägt nicht zu einer Willkommenskultur bei! Dann gibt es da die „überfrommen“ Gottesdienstbesucher, die sich z.B. nur vom Priester und nicht von Kommunionhelfern die Kommunion reichen lassen wollen. Solche und einige ähnliche Frömmigkeitshaltungen sind für mich nicht nachvollziehbar und schon gar nicht unterstützenswert. Alles Extreme ist problematisch, ich unterstütze immer den guten Mittelweg.
Natürlich gab es auch viel, viel Erfreuliches, an das ich mich gerne zurückerinnern werde. Es gab viele schöne Feste wie Jubiläen, Priesterweihen, Wallfahrten und andere ordensinterne und durch die Wallfahrt bedingte Anlässe, die ich vorbereiten und bei denen ich mitwirken konnte, allerdings hatte ich auch eine ganze Reihe Mitbrüder auf ihrem letzten Weg zum Friedhof zu begleiten, aber auch da ist ja die österliche Botschaft der Auferstehung und des neuen Lebens zu verkünden. Dann wird mir die sehr gute Zusammenarbeit in der Wallfahrtsleitung und in der Kustodie in bester Erinnerung bleiben. Die Unterstützung durch ehrenamtlich Mitwirkende habe ich sehr geschätzt, wobei die meisten hier auch schon vorgerückteren Alters sind und wenig Nachwuchs in Sicht ist. Wir haben eine hochqualifizierte Kirchenmusik hier in Altötting, wobei ich mir dabei eine noch größere Vielfalt wünschen würde. Alles in allem waren die Jahre in Altötting für mich erfreulich und reich gefüllt.
„Altötting hat mit dem Anspruch größter deutscher Wallfahrtsort und bayerisches Nationalheiligtum zu sein, ein Alleinstellungsmerkmal“

Ab März 2022 übernehmen Sie nach einem der größten Kapuzinerkonvente die Leitung der kleinen Gemeinschaft mit nur vier Brüdern im münsterländischen Werne. Freuen Sie sich auf die Ruhe nach den anstrengenden Leitungsjahren in Altötting und darauf, noch stärker seelsorgerisch tätig sein zu können?
Pater Norbert: Ich hatte schon länger im Blick, dass eine Veränderung für mich ansteht, da ich grundsätzlich der Meinung bin, dass – zumindest bei uns Kapuzinern – wenn ein Oberenamt endet, dies mit einem Ortswechsel verbunden sein sollte. Und da ich nun ja auch schon im „Rentenalter“ bin, das es bei den Kapuzinern aber nicht gibt, ist eine kleinere Aufgabe genau das richtige für mich nach den langen Jahren größerer Verantwortung. Die Mitbrüder, mit denen ich in Werne zusammen sein werde, kenne ich, und was dann an Aufgaben ansteht, lasse ich auf mich zukommen. Es ist für mich durchaus reizvoll, nochmals etwas Neues anzufangen und ich bin da, solange die Gesundheit mitmacht, noch gerne zur Verfügung. Zunächst freue ich mich aber auf meine „Sabbatzeit“, in der ich, so hoffe ich, etwas ausspannen, mich bewegen und vor allem viel lesen kann – da habe ich vieles nachzuholen.
Was macht Altötting so besonders – und was werden Sie vielleicht besonders vermissen?
Pater Norbert: Ja, Altötting hat mit dem Anspruch größter deutscher Wallfahrtsort und bayerisches Nationalheiligtum zu sein, schon ein Alleinstellungsmerkmal. Um dies zu erhalten und zu fördern, braucht es Verantwortliche und viele Mitwirkende, die sich hier im Sinn und Geist des Evangeliums engagieren zur Ehre Gottes und in der Verehrung der Gnadenmutter und des hl. Bruder Konrad und zum Wohl und Segen der Menschen, die hier leben oder als Wallfahrer und Pilger hierher kommen. Dass es immer solche Menschen gibt, wünsche ich Altötting von Herzen. Ob und was ist vermissen werde? Das werde ich erst wissen, wenn ich entsprechendes merke. Jetzt ist Zeit des Abschiednehmens mit dem Blick zurück, aber auch nach vorne. Und noch wichtiger ist mir: immer im Heute leben!
Interview: Wolfgang Terhörst, Fotos: Roswitha Dorfner
Der Wechsel als Konstante – Für Kapuziner gehören Neuanfänge zum Ordensleben
Bruder Norbert Schlenker (66), geboren in Karlsruhe, ist seit 48 Jahren Kapuziner und seit 41 Jahren Priester. Nach Stationen in Offenburg, Zell am Harmersbach, Deggingen und Frankfurt am Main diente er seit dem 1. Januar 2014 als Guardian des Altöttinger Kapuzinerkonvents St. Magdalena und als stellvertretender Wallfahrtsrektor (Kustos) – am 1. November 2016 übernahm er zusätzlich die Leitung des Konvents St. Konrad. Seit 2016 ist er zudem 3. Provinzrat. Nach einer Sabbatzeit ab 1. September wechselt P. Norbert als Guardian und Seelsorger ins westfälische Kapuzinerkloster Werne. Am 31. August hat er das Amt des Guardians und des stellv. Wallfahrtsrektors an Br. Marinus Parzinger übergeben, der nach dem Provinzkapitel 2013 seinerzeit als Provinzial Br. Norbert nach Altötting berufen und versetzt hatte. Zum 1. September endete auch der Dienst von Br. Sunil Kachappally als Hausvikar von St. Magdalena. Neuer Vikar im Konradkloster wird Br. Alexander Madathil.
Br. Norbert und Br. Ernst-Konrad werden sich am Samstag, 2. Oktober um 19 Uhr in der Vorabendmesse in der Basilika von Altötting verabschieden; am Sonntag, 3. Oktober um 15 Uhr – ebenfalls in der Basilika – wird Bischof Stefan Oster die Kapuziner aus dem Magdalenakloster verabschieden, in dem sie 147 Jahre gelebt und gewirkt haben.