
Er pilgert seit beinahe sechzig Jahren, ist seit zwanzig Jahren stellvertretender Pilgerführer der großen Regensburger Fußwallfahrt nach Altötting und im wahrsten Sinne des Wortes eines ihrer bekanntesten Gesichter: Am 8. November wird Dionys Ringlstetter 70 Jahre alt. Grund genug für ein Gespräch über sein Leib-und-Magen-Thema.
Lieber Dionys Ringlstetter, ganz herzlichen Glückwunsch zum runden Geburtstag! Ein Großteil Ihres Lebens prägte die Wallfahrt nach Altötting, seit vielen Jahren sind Sie 2. Pilgerführer der großen Regensburger Fußwallfahrt. Wann und wie hat Ihre persönliche Pilgergeschichte angefangen?
Ringlstetter: Ich durfte an der Seite meines Vaters 1961 das erste Mal an der Fußwallfahrt teilnehmen. Damals hieß unsere Wallfahrt noch das „Schwandorfer Kreuz“ – es waren 840 Teilnehmer.
Wie sehr schmerzt Sie dieses an Corona „verlorene“ Pilgerjahr 2020?
Ringlstetter: Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte die Wallfahrt 2020 finde nicht statt, so hätte ich ihn für verrückt erklärt. Es hat mir sehr wehgetan. Eine 190-jährige, deutschlandweit bekannte Tradition durfte nicht stattfinden.
Wenn Sie zurückblicken: Hat sich der Wallfahrtsgedanke in Ihren über 50 Pilgerjahren sehr verändert? Machen sich die Menschen heute aus anderen Motiven auf den Weg zur Gnadenmutter als noch vor zehn oder zwanzig Jahren? Viel ist ja vom Sport- oder Event-Gedanken die Rede …
Ringlstetter: Der Wallfahrtsgedanke, finde ich, hat sich nicht geändert: die Wallfahrer haben sich geändert. Der sportliche oder Eventgedanke ist bei einigen schon vorhanden, aber ich hab‘ das Gefühl, dass bei so manchen bei der Heimfahrt das Sport-event nur noch zweitrangig war. Es war dann ein Sinneswandel zu spüren, Um- oder gar Bekehrung.

In all den Jahren: Was waren Ihre einprägsamsten, Ihre lustigsten oder bewegendsten Erlebnisse?
Ringlstetter: Unsere 175. Jubiläumswallfahrt, die große Jubiläumskerze und als ich vor ca. 13 Jahren mit meinen drei Kindern in Altötting ankam – seitdem gibt es uns im Viererpack. Und natürlich der Pilgergottesdienst 2002 mit Kardinal Joseph Ratzinger.
Nicht nur die Wallfahrt liegt Ihnen sehr am Herzen, sondern auch die „Kirche vor Ort“. Erst Anfang dieses Jahres haben Sie nach vielen Jahren den Vorsitz des katholischen Männervereins Nabburg abgegeben. Wie lässt sich aus Ihrer Sicht in unserer Zeit eine Glaubensgemeinschaft, eine Pfarrgemeinde lebendig erhalten?
Ringlstetter: Durch gelebte Gemeinschaft, Gradlinigkeit, Gebet und Treue zur Gottesmutter. Drei oder vier Tage fromm sein bei der Wallfahrt ist zu wenig. Wir müssen das ganze Jahr aktiv in der Kirche sein und den Glauben leben. Die Wallfahrt ist meine Tankstelle.
Die Kirche steht seit einiger Zeit stark im Feuer – von Missbrauchs- und Finanzskandalen über den Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen oder gleichgeschlechtlichen Partnerschaften bis zur Stellung der Frau. Was könnte helfen, damit Kirche bei uns eine gute Zukunft zum Wohl der Menschen hat?
Ringlstetter: Etwas mehr Mut in der Amtskirche, mehr Ehrlichkeit, Fehler zugeben. Ja zum Diakonat der Frau. Es gibt auch so viele gute und fähige Frauen wie Männer. Das Verhältnis der Amtskirche zur Basis, dem gläubigen Volk, muss viel besser werden. Dann fühlen wir uns wieder besser verstanden.
"Glauben ist keine Privatsache. Glaube muss gelebt werden, alle Tage, nicht nur am Sonntag oder an Weihnachten"
Bei Ihnen ist Glaube Lebensinhalt. Ihre Stadtratskandidatur heuer für die Freien Wähler haben Sie unter das Motto „Politik auf christlicher Basis, ehrlich und verantwortungsbewusst gestalten“ gestellt. Manchmal wird ja gesagt, der Glaube sei Privatsache und habe im öffentlichen Leben nichts zu suchen. Mir scheint, Sie sehen das genau umgekehrt. Fehlt es im Handeln zu oft am christlichen Fundament?
Ringlstetter: Ja, es fehlt oft das christliche Fundament. Es fehlt oft am Mut, den Glauben zu zeigen und zu bekennen. Glauben ist keine Privatsache. Glaube muss gelebt werden, alle Tage, nicht nur am Sonntag oder an Weihnachten.
Lieber Dionys, Sie sind das, was man landläufig eine „Marke“ nennt: Ein gestandenes Mannsbild mit rauschendem Bart, gerne in Lederhosen unterwegs – was bedeutet Ihnen „Heimat“?
Ringlstetter: Heimat ist da, wo die Mutter ist. Darum bin ich auch öfters im Jahr in Altötting oder an einem anderen Wallfahrts- oder Gnadenort.
Unerfahrenen Pilgern empfehlen Sie gerne, für die müden Glieder Franzbranntwein einzupacken … Was gehört noch in die kleine Hausapotheke für Fußwallfahrer?
Ringlstetter: Eventuell Hirschtalg oder eine Schmerztablette. Für das Spirituelle ein Rosenkranz und ein Pilgerbüchlein.
Ist der „70er“ für Sie eine Wegmarke, ab der Sie es ruhiger angehen lassen wollen? Jedenfalls kann ich mir auch in den kommenden Jahren – so es dann wieder möglich sein wird – einen Einzug der Regensburger oder Dionys Ringlstetter an der Spitze vorstellen …
Ringlstetter: Ja, manche nicht so wichtige Sachen muss man lassen, um das Wichtige weiter tun zu können, z.B. Wallfahrten gehen zu können. Ich gehe so lang ich kann. Von wichtigen Funktionen muss man zeitig Abstand nehmen, um den Fortbestand der Wallfahrt zu sichern und junge Leute einzuführen, damit es nach uns weitergeht.
Zu guter Letzt: Was möchten Sie gerne den Leserinnen und Lesern des Altöttinger Liebfrauenboten und Ihren Pilgerfreunden mit auf den Weg geben?
Ringlstetter: Bleiben wir der katholischen Kirche und der Gnadenmutter von Altötting treu. Mit dem Rosenkranz in der Hand wird es auch Altötting und die Regensburger Fußwallfahrt im 21. Jahrhundert auch noch geben.
Interview: Wolfgang Terhörst, Fotos: Roswitha Dorfner