icons / 24px / close
Einstellungen erfolgreich gespeichert

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen die bestmögliche Erfahrung zu bieten. Mehr erfahren

„Die Wallfahrt ist meine Tankstelle“

Michael Glaß am 03.11.2020

2020 11 02 aoelfb dionys ringlstetter1 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
„Die Wallfahrt ist meine Tankstelle“ – Dionys Ringlstetter (r.) beim Einzug der Regensburger Fuß-Wallfahrer über den Altöttinger Kapellplatz im Jahr 2016.

Er pilgert seit beinahe sechzig Jahren, ist seit zwanzig Jahren stellvertretender Pilgerführer der großen Regensburger Fußwallfahrt nach Altötting und im wahrsten Sinne des Wortes eines ihrer bekanntesten Gesichter: Am 8. November wird Dionys Ringlstetter 70 Jahre alt. Grund genug für ein Gespräch über sein Leib-und-Magen-Thema.

Lie­ber Dio­nys Ringl­stet­ter, ganz herz­li­chen Glück­wunsch zum run­den Geburts­tag! Ein Groß­teil Ihres Lebens präg­te die Wall­fahrt nach Alt­öt­ting, seit vie­len Jah­ren sind Sie 2. Pil­ger­füh­rer der gro­ßen Regens­bur­ger Fuß­wall­fahrt. Wann und wie hat Ihre per­sön­li­che Pil­ger­ge­schich­te ange­fan­gen?
Ringl­stet­ter: Ich durf­te an der Sei­te mei­nes Vaters 1961 das ers­te Mal an der Fuß­wall­fahrt teil­neh­men. Damals hieß unse­re Wall­fahrt noch das Schwan­dor­fer Kreuz“ – es waren 840 Teilnehmer.

Wie sehr schmerzt Sie die­ses an Coro­na ver­lo­re­ne“ Pil­ger­jahr 2020?
Ringl­stet­ter:
Wenn mir vor zwei Jah­ren jemand gesagt hät­te die Wall­fahrt 2020 fin­de nicht statt, so hät­te ich ihn für ver­rückt erklärt. Es hat mir sehr weh­ge­tan. Eine 190-jäh­ri­ge, deutsch­land­weit bekann­te Tra­di­ti­on durf­te nicht stattfinden.

Wenn Sie zurück­bli­cken: Hat sich der Wall­fahrts­ge­dan­ke in Ihren über 50 Pil­ger­jah­ren sehr ver­än­dert? Machen sich die Men­schen heu­te aus ande­ren Moti­ven auf den Weg zur Gna­den­mut­ter als noch vor zehn oder zwan­zig Jah­ren? Viel ist ja vom Sport- oder Event-Gedan­ken die Rede …
Ringl­stet­ter:
Der Wall­fahrts­ge­dan­ke, fin­de ich, hat sich nicht geän­dert: die Wall­fah­rer haben sich geän­dert. Der sport­li­che oder Event­ge­dan­ke ist bei eini­gen schon vor­han­den, aber ich hab‘ das Gefühl, dass bei so man­chen bei der Heim­fahrt das Sport-event nur noch zweit­ran­gig war. Es war dann ein Sin­nes­wan­del zu spü­ren, Um- oder gar Bekehrung.

2020 11 02 aoelfb dionys ringlstetter2 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Immer gut beschirmt fühlt sich Dionys Ringlstetter mit seinem Glauben. Und egal, ob die Sonne vom Himmel brennt, es stürmt oder regnet: er pilgert – am liebsten nach Altötting.

In all den Jah­ren: Was waren Ihre ein­präg­sams­ten, Ihre lus­tigs­ten oder bewe­gends­ten Erleb­nis­se?
Ringl­stet­ter:
Unse­re 175. Jubi­lä­ums­wall­fahrt, die gro­ße Jubi­lä­ums­ker­ze und als ich vor ca. 13 Jah­ren mit mei­nen drei Kin­dern in Alt­öt­ting ankam – seit­dem gibt es uns im Vie­rer­pack. Und natür­lich der Pil­ger­got­tes­dienst 2002 mit Kar­di­nal Joseph Ratzinger.

Nicht nur die Wall­fahrt liegt Ihnen sehr am Her­zen, son­dern auch die Kir­che vor Ort“. Erst Anfang die­ses Jah­res haben Sie nach vie­len Jah­ren den Vor­sitz des katho­li­schen Män­ner­ver­eins Nab­burg abge­ge­ben. Wie lässt sich aus Ihrer Sicht in unse­rer Zeit eine Glau­bens­ge­mein­schaft, eine Pfarr­ge­mein­de leben­dig erhal­ten?
Ringl­stet­ter:
Durch geleb­te Gemein­schaft, Grad­li­nig­keit, Gebet und Treue zur Got­tes­mut­ter. Drei oder vier Tage fromm sein bei der Wall­fahrt ist zu wenig. Wir müs­sen das gan­ze Jahr aktiv in der Kir­che sein und den Glau­ben leben. Die Wall­fahrt ist mei­ne Tankstelle.

Die Kir­che steht seit eini­ger Zeit stark im Feu­er – von Miss­brauchs- und Finanz­skan­da­len über den Umgang mit wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen oder gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaf­ten bis zur Stel­lung der Frau. Was könn­te hel­fen, damit Kir­che bei uns eine gute Zukunft zum Wohl der Men­schen hat?
Ringl­stet­ter:
Etwas mehr Mut in der Amts­kir­che, mehr Ehr­lich­keit, Feh­ler zuge­ben. Ja zum Dia­ko­nat der Frau. Es gibt auch so vie­le gute und fähi­ge Frau­en wie Män­ner. Das Ver­hält­nis der Amts­kir­che zur Basis, dem gläu­bi­gen Volk, muss viel bes­ser wer­den. Dann füh­len wir uns wie­der bes­ser verstanden.

"Glauben ist keine Privatsache. Glaube muss gelebt werden, alle Tage, nicht nur am Sonntag oder an Weihnachten"

Bei Ihnen ist Glau­be Lebens­in­halt. Ihre Stadt­rats­kan­di­da­tur heu­er für die Frei­en Wäh­ler haben Sie unter das Mot­to Poli­tik auf christ­li­cher Basis, ehr­lich und ver­ant­wor­tungs­be­wusst gestal­ten“ gestellt. Manch­mal wird ja gesagt, der Glau­be sei Pri­vat­sa­che und habe im öffent­li­chen Leben nichts zu suchen. Mir scheint, Sie sehen das genau umge­kehrt. Fehlt es im Han­deln zu oft am christ­li­chen Fun­da­ment?
Ringl­stet­ter:
Ja, es fehlt oft das christ­li­che Fun­da­ment. Es fehlt oft am Mut, den Glau­ben zu zei­gen und zu beken­nen. Glau­ben ist kei­ne Pri­vat­sa­che. Glau­be muss gelebt wer­den, alle Tage, nicht nur am Sonn­tag oder an Weihnachten.

Lie­ber Dio­nys, Sie sind das, was man land­läu­fig eine Mar­ke“ nennt: Ein gestan­de­nes Manns­bild mit rau­schen­dem Bart, ger­ne in Leder­ho­sen unter­wegs – was bedeu­tet Ihnen Hei­mat“?
Ringl­stet­ter:
Hei­mat ist da, wo die Mut­ter ist. Dar­um bin ich auch öfters im Jahr in Alt­öt­ting oder an einem ande­ren Wall­fahrts- oder Gnadenort.

Uner­fah­re­nen Pil­gern emp­feh­len Sie ger­ne, für die müden Glie­der Franz­brannt­wein ein­zu­pa­cken … Was gehört noch in die klei­ne Haus­apo­the­ke für Fuß­wall­fah­rer?
Ringl­stet­ter:
Even­tu­ell Hirsch­talg oder eine Schmerz­ta­blet­te. Für das Spi­ri­tu­el­le ein Rosen­kranz und ein Pilgerbüchlein.

Ist der 70er“ für Sie eine Weg­mar­ke, ab der Sie es ruhi­ger ange­hen las­sen wol­len? Jeden­falls kann ich mir auch in den kom­men­den Jah­ren – so es dann wie­der mög­lich sein wird – einen Ein­zug der Regens­bur­ger oder Dio­nys Ringl­stet­ter an der Spit­ze vor­stel­len …
Ringl­stet­ter:
Ja, man­che nicht so wich­ti­ge Sachen muss man las­sen, um das Wich­ti­ge wei­ter tun zu kön­nen, z.B. Wall­fahr­ten gehen zu kön­nen. Ich gehe so lang ich kann. Von wich­ti­gen Funk­tio­nen muss man zei­tig Abstand neh­men, um den Fort­be­stand der Wall­fahrt zu sichern und jun­ge Leu­te ein­zu­füh­ren, damit es nach uns weitergeht.

Zu guter Letzt: Was möch­ten Sie ger­ne den Lese­rin­nen und Lesern des Alt­öt­tin­ger Lieb­frau­en­bo­ten und Ihren Pil­ger­freun­den mit auf den Weg geben?
Ringl­stet­ter:
Blei­ben wir der katho­li­schen Kir­che und der Gna­den­mut­ter von Alt­öt­ting treu. Mit dem Rosen­kranz in der Hand wird es auch Alt­öt­ting und die Regens­bur­ger Fuß­wall­fahrt im 21. Jahr­hun­dert auch noch geben.

Inter­view: Wolf­gang Ter­hörst, Fotos: Ros­wi­tha Dorfner