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„Wir werden wieder zusammen musizieren – da hat Corona keine Chance!“

Michael Glaß am 16.11.2020

2020 11 16 aoelfb stiftskapellmeister stephan thinnes1 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Trotz aller Widrigkeiten optimistisch: Stephan Thinnes bei seiner Installation als neuer Stiftskapellmeister am 5. Juli 2020 in der Altöttinger St. Anna-Basilika.

Bloß die Geduld nicht verlieren und optimistisch bleiben – das ist die Devise des neuen Altöttinger Stiftskapellmeisters Stephan Thinnes. Erst seit Juli diesen Jahres im Amt, musste er sich gleich mal mit der Corona-Krise auseinandersetzen, die auch die Kirchenmusik sehr hart getroffen hat. Jetzt fällt auch noch der Gedenktag für die Patronin der Kirchenmusik, der hl. Cäcilia am 22. November, mitten in eine Lockdown-Phase. Im Interview spricht der Leiter des Altöttinger Kapellchors und -orchesters sowie der Schola Autingensis über aktuelle Herausforderungen und Hoffnungen.

Herr Thin­nes, wie schwie­rig waren für Sie die ers­ten Mona­te im Amt?
Ste­phan Thin­nes: Da ich erst im Juli mein neu­es Amt als Kapell­meis­ter ange­tre­ten habe, muss­ten wir – die Musi­ker, die Solis­ten, die Chor­sän­ger und ich – uns erst per­sön­lich und musi­ka­lisch ken­nen­ler­nen. Im Juli und August hat­ten wir Gott sei Dank die Mög­lich­keit im klei­nen Kreis pro­ben zu dür­fen. Nach den Som­mer­fe­ri­en im Sep­tem­ber, als vie­les gelo­ckert wur­de, konn­ten wir dann wie­der anfan­gen mit allen zu pro­ben. Wir sind hier­für in die Basi­li­ka aus­ge­wi­chen, wo die Abstands­re­geln gut ein­zu­hal­ten waren. Das war sehr viel­ver­spre­chend und hat allen Betei­lig­ten gro­ßen Spaß gemacht. Dann kam der erneu­te Lock­down. Wenn in Chor und Orches­ter nur zehn Leu­te aus maxi­mal zwei Haus­hal­ten zusam­men kom­men dür­fen, dann brau­chen wir mit Pro­ben gar nicht erst anfan­gen. Und wir muss­ten ja auch das Ken­nen­ler­nen wie­der ein­stel­len. Das ist frus­trie­rend über Coro­na hinaus!

„Wir haben ein breites Repertoire, das bei Sängern und Musikern sitzt und das diese auch spontan abrufen können“

2020 11 16 aoelfb kirchenmusikalische corona ampel info-icon-20px Foto: red
Im Bild die kirchenmusikalische Corona-Ampel, die während des Lockdowns jedoch außer Kraft ist – derzeit gelten die Regeln und Auflagen wie bei einer „dunkelroten“ Phase. Kontaktvermeidung ist das Gebot der Stunde. Der Ausstoß von Aeorosolen wiederum steht unter Verdacht, beim Singen höher zu sein. Das Orgelspiel bleibt bei allen Ampel-Phasen erlaubt, für Laien-Ensembles und Profimusiker gibt es differenzierte Regelungen. Stephan Thinnes erklärt dazu: „Studien haben gezeigt, dass Profi-Sänger mit ihrer Stimme besser umgehen können und so auch der Ausstoß von Aerosolen geringer ist.“

Fünf Kna­ben­chö­re, dar­un­ter die Regens­bur­ger Dom­spat­zen, for­mu­lier­ten bereits im Mai einen Appell an die Poli­tik und warn­ten, dass der mona­te­lan­ge Lock­down ein jahr­hun­der­te­al­tes Kul­tur­gut gefähr­de. Wie sehr trifft die Kri­se die Kir­chen­mu­sik am Wall­fahrts­ort?
Ste­phan Thin­nes:
Ins­ge­samt sind wir in Alt­öt­ting in einer guten Situa­ti­on. Die Kapell­so­lis­ten sind Pro­fi-Musi­ker, die auch dann pro­ben dür­fen, wenn die Coro­na-Ampel auf Rot ist. Die Lai­en-Sän­ger und ‑Musi­ker in Chor und Orches­ter sind nach wie vor sehr ger­ne dabei, auch wenn sie der­zeit nicht gemein­sam pro­ben und auf­tre­ten kön­nen. Die Beset­zung aber ist geblie­ben – wegen Coro­na hat da nie­mand auf­ge­hört! Wir haben ein brei­tes Reper­toire, das bei Sän­gern und Musi­kern sitzt und das die­se auch spon­tan abru­fen kön­nen.
Den­noch ist die Situa­ti­on für alle Betei­lig­ten der­zeit unbe­frie­di­gend: Wir sind irgend­wie in einem Nie­mands­land“, in War­te­po­si­ti­on. Ohne gemein­sa­me Auf­trit­te und ohne genau zu wis­sen, wie es wei­ter geht, ist es auch für mich als Ver­ant­wort­li­cher schwie­rig, eine Per­spek­ti­ve zu geben, die die Leu­te moti­viert. Ich tau­sche mich u.a. regel­mä­ßig mit mei­nem Kol­le­gen Her­bert Hager, dem Lei­ter der Alt­öt­tin­ger Kapell­sing­kna­ben und Mäd­chenkan­to­rei, aus. Er hat auch bestä­tigt: wenn die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger nur allei­ne pro­ben kön­nen und kei­ne Auf­trit­te haben, dann haben sie kein Ziel vor Augen. Da ist es schwer, zu motivieren.

Wie wird es Ihrer Ein­schät­zung nach wei­ter­ge­hen, auch im Hin­blick auf das nahen­de Weih­nachts­fest?
Ste­phan Thin­nes: Wir fah­ren auf Sicht, nichts ist lang­fris­tig plan­bar im Moment. Aber wenn die Mög­lich­keit besteht, zu musi­zie­ren, dann wer­den wir das auch sehr ger­ne tun! Gera­de in Alt­öt­ting sind wir ja in einer gewis­sen Ver­ant­wor­tung ange­sichts der Jahr­hun­der­te alten Tra­di­ti­on der Kir­chen­mu­sik am Wall­fahrts­ort. Für die Weih­nachts­got­tes­diens­te rech­ne ich im Moment mit Auf­trit­ten in nur klei­ner Beset­zung. Hier müs­sen wir spon­tan reagieren.

2020 11 16 aoelfb stiftskapellmeister stephan thinnes2 info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Der Altöttinger Stiftskapellmeister Stephan Thinnes an der Orgel in der St. Anna-Basilika.

Wie blei­ben Sie in die­ser schwie­ri­gen Zeit moti­viert und gibt es trotz allem auch Hoff­nungs­zei­chen?
Ste­phan Thin­nes: Ich blei­be moti­viert, in dem ich die Situa­ti­on so anneh­me wie sie ist und das Bes­te dar­aus mache. Man muss sich auch vor Augen hal­ten: Es ist ein Pri­vi­leg, dass wir über­haupt Got­tes­diens­te fei­ern dür­fen! Ich selbst darf wenigs­tens jeden Tag in Alt­öt­ting, oft in der Basi­li­ka, bei hl. Mes­sen die Orgel spie­len, auch gemein­sam mit zumin­dest einem der Solis­ten. Da bin ich in einer glück­li­chen Lage! Grund­sätz­lich gilt auch, sich immer wie­der klar zu machen, dass wir für­ein­an­der Ver­ant­wor­tung tra­gen; gera­de in unse­rem Chor zäh­len vie­le Mit­glie­der zur soge­nann­ten Risi­ko­grup­pe, auf die wir Rück­sicht neh­men müs­sen. Es hät­te auch nie­mand einen Vor­teil, wenn wir mit all­zu offe­nen und sorg­lo­sen Maß­nah­men dann doch wie­der einen noch stren­ge­ren und län­ge­ren Lock­down ris­kie­ren. Hoff­nung gibt mir die Ein­stel­lung mei­ner Musi­ker und Sän­ger. Alle sagen: Es muss wei­ter­ge­hen – da hat Coro­na kei­ne Chan­ce!“ Auch ich bin mir sicher: wir wer­den wie­der alle zusam­men musi­zie­ren! Wich­tig ist es, nicht die Geduld zu ver­lie­ren, in die­ser schwie­ri­gen, ich sage ger­ne: in die­ser unwirk­li­chen Zeit.

Inter­view: Micha­el Glaß