„Wen der Herr ruft, dem gibt er auch die nötige Kraft“ – Kapuzinerpater Norbert Schlenker ist seit 40 Jahren Priester

Seine Berufungsgeschichte war geradlinig, seine Predigten sind lebensnah: Seit 40 Jahren ist Kapuzinerpater Norbert Schlenker nun Priester. Ein Gespräch über Gott und die Welt.

Pater Norbert, 40 Jahre Dienst als Priester im Weinberg des Herrn: Herzlichen Glückwunsch und Vergelt’s Gott! Wie hat das alles angefangen, was hat Sie als junger Mann bewogen in den Kapuzinerorden einzutreten und dort als Priester zu wirken? Bitte lassen Sie uns ein wenig teilhaben an Ihrer persönlichen „Berufungsgeschichte“.
Pater Norbert: Danke für den Glückwunsch! Mein Weg in den Kapuzinerorden und zum priesterlichen Dienst lief recht geradlinig. Ein außerordentliches „Berufungserlebnis“ hatte ich eigentlich nicht. Ich bin in der Kapuzinerpfarrei St. Franziskus in Karlsruhe aufgewachsen. So war ich von klein auf mit den Kapuzinern in Kontakt und beschäftigte mich auch mit unserem Pfarrpatron, dem Hl. Franz von Assisi. Nach der Erstkommunion wurde ich Ministrant und war bis zum Abitur in der Ministranten- und Jugendarbeit der Pfarrei verantwortlich aktiv. Da lernte ich manche künftige Mitbrüder kennen und durfte im Kloster aus- und eingehen. So wuchs mein Interesse, selbst Kapuziner und Priester zu werden. Der nächste Schritt war dann sofort nach dem Abitur der Eintritt ins Noviziat der Kapuziner, das Theologiestudium und dann die Priesterweihe am 22. März 1980, die ich auch in meiner Heimatgemeinde empfangen durfte.
Sie sind ein eloquenter Redner und Prediger: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? Finden Sie noch immer Neues, Spannendes im Wort Gottes?
Pater Norbert: Bitte nicht soviel Weihrauch! Es ist richtig, dass Liturgie und Verkündigung zu meinen Lieblingsaufgaben gehören. Es ist nicht so, dass alle meine Predigten „auf meinem Mist gewachsen“ sind. Ich hole mir schon Anregungen in entsprechender Literatur und auch im Internet. Vorteilhaft ist es, wenn ich frühzeitig mit der Vorbereitung beginnen kann. Dann kann einiges wachsen und reifen. Wichtig sind mir auch möglichst verständliche Formulierungen. Oft hört man ja auch viel zu viel unverständliches „Kirchenchinesisch“, das über die Köpfe der Gläubigen hinweggeht. Und: ich glaube daran und spüre auch, dass der Hl. Geist mich bei Gottesdienst- und Predigtvorbereitungen nicht alleine lässt.
Als Kapuziner dienen Sie dort, wo Sie gebraucht werden. Hand aufs Herz: Gibt es vielleicht trotzdem einen Lieblingsort, eine Lieblingsaufgabe, wenn Sie auf all die Jahre zurückblicken?
Pater Norbert: Ich gehöre zu den Kapuzinern, die versetzbar sind. In den 40 Priesterjahren habe ich in sechs Klöstern gelebt. In den ersten Jahren war ich schwerpunktmäßig in der Pfarrseelsorge eingesetzt, dann kam die Wallfahrtsseelsorge hinzu, die dann mehr und mehr zur Hauptaufgabe wurde. Auch die Cityseelsorge in Frankfurt, mit der ich vor Altötting beauftragt war, ist Wallfahrtsseelsorge. Zu unserer Frankfurter Liebfrauenkirche kommen Menschen von überall her mit den verschiedensten Anliegen. Mit allen Aufgaben, die mir bisher gestellt waren, konnte ich mich gut anfreunden. Einen „Lieblingsort“ gibt es eigentlich nicht. Ich war überall gerne. Altötting ist ein marianischer Wallfahrtsort. Die biblische Botschaft, wie Maria mit ihrem Sohn Jesus auf dem Weg war und heute die Kirche begleitet und die Menschen zu Jesus hinführen will, ist sicher hier eines meiner Lieblingsthemen und ich bin sehr dankbar, dass ich hier die Menschen mit unserem heiligen Mitbruder Konrad von Parzham vertraut machen kann und in diesen Jahren in einem Bruder-Konrad-Jubiläumsjahr und bei der Neugestaltung der Bruder-Konrad-Kirche mitwirken durfte.
"Die franziskanische Spiritualität ist auch heute aktuell und hat den Menschen etwas zu sagen"

Ordensleute und noch mehr Priester haben in unserer Zeit oftmals einen schweren Stand. Was bestätigt und ermutigt Sie immer wieder, diesen Weg zu gehen?
Pater Norbert: Auch wenn die Brüder in unserer Deutschen Kapuzinerprovinz älter und weniger werden und wir uns im nächsten Jahr auch in Altötting verkleinern werden, es gibt junge Männer, die sich für uns interessieren und wir haben junge Mitbrüder in der Ausbildung. Die franziskanische Spiritualität ist auch heute aktuell und hat den Menschen etwas zu sagen. Priester und Ordensleute dürfen keine Einzelkämpfer sein, der Herr selbst hat seine Jünger zu zweit ausgesandt. Ein möglichst einfacher Lebensstil, Geschwisterlichkeit und Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung entspricht dem Evangelium. Das wird immer junge Menschen interessieren und ansprechen. Wieviele von ihnen der Herr in seine engere Nachfolge und in seinen Dienst ruft, ist seine Sache, wir dürfen und sollen aber in diesem Anliegen beten. Und wen der Herr ruft, dem gibt er auch die nötige Kraft. Darüber hat der Bischof bei meiner Priesterweihe vor 40 Jahren gepredigt.
Die Kirche in Deutschland ist auf einem „Synodalen Weg“. Was sind aus Ihrer langen priesterlichen Erfahrung die drängendsten Themen, was muss sich ändern, was nicht?
Pater Norbert: Ich finde es gut, dass Bischöfe, Priester und Laien sich gemeinsam auf den Weg machen, um die aktuellen Fragen von Kirche und Welt zu beraten. Es gibt Dinge in der Kirche, die geändert werden können. Da wünsche ich mir mutige Schritte und Entscheidungen. Ich denke, Papst Franziskus geht hier einen guten Weg. Wichtiger als strukturelle Veränderungen scheint mir aber, dass jeder Christ sich ändert, nämlich hin zum Leben nach dem Evangelium. Da ist noch viel Luft nach oben. Dass die Kirchen leerer werden, daran ist nicht nur die Hierarchie schuld, sondern jeder, der – aus welchen Gründen auch immer – weg bleibt. Christen haben auch den Auftrag, in ethischen Fragen mehr in die Gesellschaft hineinzuwirken z. B. sich einzusetzen für den Schutz des Lebens vom Anfang bis zum Ende oder in Fragen der Flüchtlingspolitik oder der Ökologie. Neuevangelisierung meint nicht, die Frommen noch frömmer zu machen, sondern die Menschen mit dem Evangelium vertrauter und aus dessen Botschaft sensibler für das konkrete Miteinander im Alltag zu machen.
Was wünschen Sie sich ganz persönlich für die kommenden Jahre?
Pater Norbert: Für Kapuziner gibt es bekanntlich kein Rentenalter. Wenn der Herr mir weiterhin eine halbwegs stabile Gesundheit schenkt, bin ich gerne weiterhin für die Aufgaben bereit, für die ich gebraucht werde.
Interview: Wolfgang Terhörst