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Heiliger Óscar Romero – Spurensuche in San Salvador

Michael Glaß am 23.03.2020

2020 03 23 aoelfb romero grab info-icon-20px Foto: Andreas Drouve
Grabmal Óscar Romeros in der Krypta der Kathedrale von San Salvador.

Am 24. März jährt sich der Tag der Ermordung Óscar Romeros zum 40. Mal. In seiner Heimat, dem mittelamerikanischen Staat El Salvador, ist der Heilige ungebrochen präsent.

2020 03 23 aoelfb romero kapelle info-icon-20px Foto: Andreas Drouve
Blick in die Krankenhauskapelle in San Salvador zum geöffneten Portal hin – genau davor hielt der Wagen mit dem Mörder von Óscar Romero.

Das Todes­kom­man­do kam im Auto. Unbe­hel­ligt pas­sier­te der Fah­rer des Mör­ders am frü­hen Abend die Ein­fahrt zum Hos­pi­tal Divina Pro­vi­den­cia. Über das leicht anstei­gen­de Sträß­chen steu­er­te er auf die Kran­ken­haus­ka­pel­le zu. Dort hielt er an. Das Por­tal stand offen. Am Altar zele­brier­te Óscar Rome­ro gera­de eine pri­va­te 18-Uhr-Mes­se. Der Scharf­schüt­ze blieb im Wagen. Durch die her­un­ter­ge­kur­bel­te Schei­be drück­te er ab. Der Pro­fi brauch­te nur einen ein­zi­gen Schuss. Töd­lich getrof­fen sack­te Rome­ro zusam­men. Es war der 24. März 1980. Rome­ro wur­de von Papst Fran­zis­kus 2018 hei­lig­ge­spro­chen. In vie­ler­lei Kir­chen in El Sal­va­dor sieht man Skulp­tu­ren und Gemäl­de ihm zu Ehren, der inter­na­tio­na­le Flug­ha­fen trägt sei­nen Namen.

Die Spu­ren­su­che in der Haupt­stadt San Sal­va­dor beginnt an der Stät­te von Rom­e­ros tra­gi­schem Tod. Das Kran­ken­haus außer­halb der City gibt es nach wie vor, eben­so die Kapel­le. Heu­te zieht an der Zufahrt zum Spi­tal ein Wäch­ter die Schran­ke hoch. Ein hand­ge­mal­tes Pla­kat heißt Pil­ger und Pil­ge­rin­nen“ will­kom­men, gefolgt von einem brei­ten, bun­ten Kachel­bild des Künst­lers Fer­nan­do Llort (19492018). Mon­se­ñor Rome­ro, offen für die, die lei­den”, steht ganz rechts drauf.

Um die Kapel­le wach­sen Blü­ten­sträu­cher. Ein Gärt­ner ist mit einer Schub­kar­re unter­wegs. Neben der Fas­sa­de fächern sich Pal­men auf. Auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te liegt eine Cafe­te­ria, wo sich Ärz­te und Pfle­ger zum Plausch ein­fin­den. Die Drei­ecks­front der Kapel­le ist im obe­ren Teil ver­glast. Das Por­tal ist weit geöff­net, so wie damals. Am Ein­gang hängt in einem Schau­kas­ten ein klei­ner Lebens­lauf des Hei­li­gen. 1917 in Ciu­dad Bar­ri­os gebo­ren, trat Óscar Arnul­fo Rome­ro 1931 ins Semi­nar San Miguel ein, stu­dier­te spä­ter Theo­lo­gie in Rom, emp­fing dort auch das Sakra­ment der Pries­ter­wei­he. Auf die Ernen­nung zum Sekre­tär der Bischofs­kon­fe­renz von El Sal­va­dor Mit­te der Sech­zi­ger Jah­re folg­te 1970 die Erhe­bung zum Bischof, 1977 zum Erz­bi­schof von San Sal­va­dor. Ab jenem Jahr leb­te er im hie­si­gen Kran­ken­haus­kom­plex bei den Her­ma­nas Car­me­li­tas Misio­ne­ras de San­ta Tere­sa“, kar­me­li­ti­schen Missionsschwestern.

2020 03 23 aoelfb romero kathedrale info-icon-20px Foto: Andreas Drouve
Überall präsent: Auch im Innern der Kathedrale von San Salvador erinnern Bilder an Óscar Romero.

Beim Ein­tritt in die Kapel­le beglei­tet eine leich­te Bri­se. Das Inne­re ist recht nüch­tern gehal­ten, der Altar­raum abge­sperrt. An der Wand hin­ter dem Altar hängt ein gro­ßes Chris­tus­kreuz, dane­ben steht: An die­sem Altar gab Mon­se­ñor Óscar A. Rome­ro sein Leben für sein Volk zu Gott hin.“ Was nicht dort steht, ist das War­um. Jeder Ein­hei­mi­sche kennt die schmerz­li­che Geschich­te jener Ära. In poli­tisch-wirt­schaft­li­chen Kri­sen­zei­ten hat­te 1979 ein Mili­tär­re­gime die Macht über­nom­men, dem Rome­ro im Sin­ne von Frie­den und sozia­ler Gerech­tig­keit ent­ge­gen­trat und ein Dorn im Auge war. Kein Sol­dat müs­se den Befehl zum Töten gegen das Gesetz Got­tes“ befol­gen, posi­tio­nier­te er sich. Was folg­ten, waren die Ermor­dung Rom­e­ros auf Wei­sung des Geheim­diens­tes und – dadurch letzt­lich aus­ge­löst – ein unnach­gie­bi­ger Bür­ger­krieg, dem bis zu Beginn der 1990er-Jah­re zehn­tau­sen­de Men­schen zum Opfer fielen.

Vor dem Altar ste­hen Buketts, halb­me­ter­ho­he Ker­zen­stän­der, ein Ven­ti­la­tor. Blickt man von hier aus zum geöff­ne­ten Ein­gang, ver­setzt man sich in Rom­e­ros Per­spek­ti­ve. Ahn­te er die Gefahr, als drau­ßen das Auto hielt? War er sich bewusst, dem Tod ins Auge zu sehen? Die Ent­fer­nung zwi­schen Täter und Opfer lag bei geschätz­ten 30 Metern. Heu­te fah­ren Autos vor­bei. Und der Stim­men­hall vom Café gegen­über ver­fängt sich in der Kapelle.

"Sein Wunsch war es, nahe bei denen zu sein, die leiden"

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Óscar Romeros Bett im Wohnhausmuseum in San Salvador.

Rom­e­ros Wohn­haus grenzt eben­falls an das Sträß­chen, ein Stück unter­halb des Cafés. Das klei­ne Anwe­sen ist nun­mehr Muse­um und wird, eben­so wie ein Bücher- und Andenken­shop, von den Mis­si­ons­schwes­tern unter­hal­ten. Wir sind zu acht“, sagt eine von ihnen, Elvia. Im Vor­hof des Hau­ses steht auf­ge­bockt Rom­e­ros Auto, ein Toyo­ta Coro­na. Im Gar­ten fällt der Blick auf eine Mari­en­skulp­tur in weiß­blau­em Umhang. Über einer Büs­te Rom­e­ros prangt der Schrift­zug Pro­phet und Mär­ty­rer“ an der Hauswand.

Sein Wunsch war es, nahe bei denen zu sein, die lei­den“, klärt Schwes­ter Elvia über die Wahl von Rom­e­ros Wohn­sitz im Kran­ken­haus­kom­plex auf. Der ers­te Raum bewahrt sei­ne Pri­vat­bi­blio­thek. Dar­un­ter fin­den sich Bücher von Hans Küng und von einem gewis­sen Karol Woj­ty­la, aber auch die Betriebs­an­lei­tung für den Toyo­ta. Zur Samm­lung per­sön­li­cher Gegen­stän­de zäh­len sei­ne Bril­le, sei­ne Arm­band­uhr, ein Hut. Der kom­bi­nier­te Schlaf- und Arbeits­raum ist schlicht und prag­ma­tisch gehal­ten. Beson­ders behag­lich wirkt er nicht. Über das Bett brei­tet sich ein gelb-weiß gemus­ter­ter Über­wurf. Vor der Wand steht ein Schau­kel­stuhl mit sil­berg­lit­zern­dem Metall­ge­stän­ge, auf dem Schreib­tisch ein Radio, eine Schmer­zens­mut­ter, eine Schreib­ma­schi­ne. Der Zugang ins Bad ist geschlos­sen, doch der Ein­blick durch ein Zwi­schen­glas ist mög­lich: auf eine Mund­spü­lung, Sei­fen­stü­cke in Dosen, zwei Rasier­klin­gen, den Bade­man­tel auf dem Haken.

Was in dem Haus fehlt, ist die Küche. Stadt­füh­rer Dio­ni­sio Mejía, der den Chro­nis­ten beglei­tet, weiß: Die Schwes­tern koch­ten für ihn, mach­ten auch die Wäsche.“ Der letz­te Raum ist das Gäs­te­zim­mer, aus­ge­legt mit küh­lem Kachel­bo­den. Besu­cher bli­cken in einer Vitri­ne auf Rom­e­ros Füh­rer­schein, den Pass, dazu auf die ein­ge­rahm­te Homi­lie mit sei­nen letz­ten Wor­ten. Wer hier­her kommt, muss gefes­tigt sein. Denn aus­ge­stellt ist eben­falls sei­ne Klei­dung, die er beim Atten­tat trug. Der Blut­strom ist mitt­ler­wei­le aus­ge­bleicht, aber noch deut­lich erkenn­bar. Das blaue Hemd zeigt auf Herz­hö­he das Loch der Kugel, ganz klein. Ver­gilb­te Fotos zei­gen den schwers­tens getrof­fe­nen Erz­bi­schof und um ihn Schwes­tern, die zu ret­ten ver­such­ten, was nicht mehr zu ret­ten war. Erschüt­tern­de Zeit­do­ku­men­te sind auch Fotos, die am Tag sei­nes Begräb­nis­ses ent­stan­den, dem 30. März 1980, Fotos einer Mas­sen­de­mons­tra­ti­on des Glau­bens, der Trau­er, der Soli­da­ri­tät. Bei der Kathe­dra­le kam es zu einem Mas­sa­ker durch Sicher­heits­kräf­te. Schüs­se zer­fetz­ten die Luft, Bom­ben deto­nier­ten. Meh­re­re Dut­zend Men­schen ver­lo­ren ihr Leben.

Auf den Spu­ren Rom­e­ros geht es nun in die Stadt, wo typi­sche Wim­mel­bil­der des Stra­ßen­han­dels herr­schen. Avo­ca­dos und Ana­nas wech­seln eben­so die Besit­zer wie Rat­ten­gift, Flie­gen­klat­schen, Klo­pa­pier. Laut­hals prei­sen Ver­käu­fe­rin­nen ihre Waren an. Zwei Papa­yas für einen Dol­lar. Der Kathe­dral­platz ist ein gro­ßer Frei­luft­treff, über­ragt von der Dop­pel­turm­front des Bau­werks, stim­mungs­voll beleuch­tet bei Dun­kel­heit. Die Außen­git­ter der Kathe­dra­le sind oben mit Sta­chel­draht­rol­len besetzt. Drin­nen führt der Weg hin­ab in die Kryp­ta zum Grab­mal Rom­e­ros. Eine Bron­ze­plas­tik zeigt ihn lie­gend. Gläu­bi­ge nähern sich, fah­ren mit der Hand dar­über, zün­den Ker­zen an. Mit der Kir­che füh­len“ („Sen­tir con la Igle­sia“), steht auf dem Grab­stein. Dane­ben laden Bänk­chen ein, sich nie­der­zu­knien. Der rote Stoff ist abge­wetzt. Hier darf man sich dem Hei­li­gen noch ein­mal nah, ganz nah fühlen.

Text: Andre­as Drouve