Vom Ruf des Muezzins zum Angelusgebet – Interreligiöse Inspirationen durch den heiligen Franz von Assisi

Jesus war ein Jude, der heilige Nikolaus stammt aus der heutigen Türkei und der heilige Augustinus war ein Afrikaner: das Christentum ist von Beginn seiner Geschichte an ein Global Player, der mit verschiedenen Kulturen und Religionen im Dialog steht. Die Bereitschaft zum interreligiösen Dialog ist eine weniger bekannte Eigenschaft des heiligen Franz von Assisi (1186-1226).

Franziskus zählt zu den populärsten Heiligen der katholischen Kirche, vor allem natürlich, seit der Papst seinen Namen trägt und dessen „Laudato Si“ zum Ausgangspunkt seiner gleichnamigen Schöpfungs-Enzyklika gemacht hat. Spielmann Gottes, Rebell, Bruder Feuer, Heiliger und Ketzer … was hat man diesem radikalen Gottsucher, Christusnachfolger und Armutsfanatiker nicht alles zugeschrieben! Nicht nur Kinder lieben sein „Laudato Si“, der Sonnengesang ist ein gutes Stück Weltliteratur.
Gelungener interreligiöser Dialog

Im Februar 2019 überreichte Papst Franziskus dem Kronprinzen der Vereinigten Emirate bei seiner Reise auf die Arabische Halbinsel eine Medaille, die an die Begegnung des heiligen Franz von Assisi mit dem ägyptischen Sultan Malik al-Kamil vor genau 800 Jahren erinnern sollte. Rechtzeitig zum Geburtstag des populären Heiligen am 4. Oktober präsentierte die Deutsche Bundespost eine Briefmarke mit eben demselben Hinweis. Was hat es mit diesem Treffen auf sich?
Schauen wir 800 Jahre zurück: Die Zeit war alles andere als ruhig und friedlich. Der 5. Kreuzzug (1217−1221) war wie auch die Kreuzzüge zuvor auf beiden Seiten von großer Brutalität geprägt. Dabei war das Ansinnen der Kreuzfahrer eigentlich ein frommes: Man wollte an den Stätten, an denen Jesus Christus lebte, beten. Das war nicht möglich, da Jerusalem in der Hand der Muslime war. Der Sultan Melek al-Kamil hatte dem Kreuzfahrerheer angeboten, Jerusalem und große Teile Palästinas gegen den Abzug der Kreuzfahrer zugänglich zu machen. Die Kreuzfahrer lehnten aber Verhandlungen ab. Im Frühjahr 1218 begann die Belagerung der strategisch wichtigen Stadt Damiette in Ägypten.
In dieser Zeit wagte sich Franz von Assisi, der sich dem Kreuzzugsheer angeschlossen hatte, ins Lager des Sultans, um ihm das Evangelium zu verkünden. Was genau geschah, lässt sich nicht mehr ergründen. Allein, dass er zum Sultan vorgelassen wurde und unbeschadet heimkehren konnte, erscheint als ein Wunder. Politisch misslang die Friedensmission, aber in den Gesprächen scheint sich etwas ereignet zu haben: Beide, der Sultan und der Bettelmönch, waren voneinander im Innersten berührt. Das würden wir heute als einen gelungenen interreligiösen Dialog bezeichnen: ein respektvolles Gespräch auf Augenhöhe.
Lernen vom fremden Anderen

Wir wissen wenig Verlässliches über das Treffen, nur, welche Folgerungen Franziskus aus dieser Begegnung zog und wie das alles heute in Assisi weiterlebt: Franziskus war vom Ruf des Muezzins, mit dem die gläubigen Muslime mehrmals am Tag zum Gebet gerufen wurden, fasziniert. Heimgekehrt regte er in verschiedenen Briefen an, dass jedes Volk weltweit in den Alltagsgeschäften innehalten und Gott loben solle: „dass an jedem Abend durch einen Herold oder sonst ein Zeichen dazu aufgerufen wird, vom gesamten Volk Gott, dem allmächtigen Herrn, Lobpreis und Dank zu erweisen“ (Brief an die Lenker der Völker), „dass zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht wird“ (Erster Brief an die Kustoden).
Das Angelusgebet der katholischen Kirche ist eine Frucht der Begegnung des Franziskus mit dem Sultan. Dieses frühe Zeugnis eines interreligiösen Dialogs, einem Lernen vom fremden Anderen, hätte man sicher in diesen Zeiten nicht vermutet. In den Schriften des Heiligen lassen sich weitere Früchte eines interreligiösen Lernprozesses erkennen. Er war beeindruckt von der Weisheit der 99 islamischen Gottesnamen. Franziskus schreibt eigene Gebete, die Gott in vielen Namen preisen; dabei geht er über die islamischen und katholischen Litaneien hinaus, denn er preist Gott auch mit 23 weiblichen Namen. Besonders eindringlich tritt dies im Lobpreis Gottes zu Tage, den Franziskus unmittelbar nach seiner Stigmatisation in La Verna verfasst hat.
Zeugnisse in Assisi

Von dieser interreligiösen Offenheit des heiligen Franziskus finden wir auch heute Zeugnisse in Assisi. Wer in Assisi vor der Oberkirche stehend durch die kleine Pforte ins beeindruckende Naturschutzgebiet „Bosco di San Franceso“ schreitet, stößt auf eine Weltfriedensglocke, auf deren Stützpfeilern die Symbole der vier großen Weltreligionen Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus zu sehen sind. Sie stammt vom Künstler Gerhard Kadletz (geb. 1947 in Passau), der bei der Gestaltung seines Projekts vom damaligen Passauer Domdekan Otto Mochti beraten worden ist. Die Friedensglocke erinnert an das erste interreligiöse Friedensgebet in Assisi, das im Jahr 1986 von Papst Johannes Paul II. angeregt worden war. Das zweite von ihm initiierte Friedensgebet fand im Jahr 2002 nach den Eindrücken der Attentate vom 11.9.2001 statt; Ziel war es, dass „jede Form von Gewalt im Namen des Glaubens geächtet“ werden sollte. Papst Benedikt XVI. lud im Jahr 2011 zum dritten großen Friedensgebet nach Assisi ein; alle Menschen seien Pilgernde der Wahrheit und Pilgernde des Friedens; „Keine Kirche und keine Religion“, erklärte der Gastgeber, „besitze die Wahrheit: Jede echte Religion suche sie pilgernd und könne von anderen Pilgernden lernen“ fasst der renommierte Franziskus-Forscher dieses Treffen zusammen.
In der Tradition des Bemühens um Frieden stammt auch ein bekanntes Lied, das manchmal Franz von Assisi zugeschrieben wird, aber erst im Jahre 2012 in Frankreich erschienen ist: Herr mach mich zum Werkzeug deines Friedens.
Text: Prof. Dr. Hans Mendl
Zehn Gebote für den Dialog
In einem Fernkurs zum Franziskanisch-Missionarischen Charisma hat die franziskanische Familie in weltweiter Zusammenarbeit folgende zehn Gebote für den interreligiösen Dialog verfasst:
- (1) Dialog aus der Dynamik des Gebets
- (2) Die Initiative ergreifen
- (3) In allem den Frieden suchen
- (4) Vertrauen in Gottes Geist
- (5) Jedem Menschen hilfreich sein
- (6) Mitten unter ihnen leben
- (7) Durch Leben und durch Worte wirken
- (8) Die eigene Identität zeige
- (9) Gemeinsam handeln
- (10) Zuhören und voneinander lernen