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Überraschende Schatztruhe – Sakrale Perlen auf dem Fränkischen Rotwein-Wanderweg

Michael Glaß am 25.08.2020

2020 08 21 aoelfb fraenkischer rotweinwanderweg vor klingenberg info-icon-20px Foto: Andreas Drouve
Der Fränkische Rotweinwanderweg kurz vor Klingenberg.

Die Flut guter Tropfen ist eine Sache auf dem Fränkischen Rotwein-Wanderweg, die Fülle sakraler Perlen eine andere.

2020 08 21 aoelfb fraenkischer rotweinwanderweg weinpatron urban info-icon-20px Foto: Andreas Drouve
Solch moderne Reliefs mit Weinpatron Urban sieht man an einigen Stellen des Fränkischen Rotweinwanderwegs, hier in der Weinbergslage Pitztal.

Ech­te Klein­ode säu­men die 60-km-Stre­cke von Groß­ost­heim nach Bürg­stadt: Kapel­len, Dorf­kir­chen, Bil­der­stö­cke, zwei Klös­ter. Und moder­ne Reli­efs von Win­zer­pa­tron Urban. Schüt­ze unse­re Reben“ oder Schütz‘ unsern Wein­berg“ ste­hen als Bit­ten dar­un­ter. Das urei­ge­ne Leit­mo­tiv kommt glei­cher­ma­ßen zu sei­nem Recht, was unter­wegs ein Schild unter­streicht: Ein Ren­dez­vous mit dem Fran­ken­wein ist der Beginn einer Lei­den­schaft, die oft fürs Leben reicht.“

Der Abmarsch ver­zö­gert sich. Die Meis­ter­wer­ke, die zum Auf­takt in Groß­ost­heim vor sich hin­schlum­mern, ver­lan­gen nach einem Plus an Zeit. Unschätz­ba­ren Wert hat in der Kir­che Sankt Peter und Paul der Bewei­nungs-Altar von Til­man Rie­men­schnei­der (um 1460 – 1531). Maria und Chris­tus sind grö­ßer und fei­ner aus Lin­den­holz geschnitzt als die übri­gen Figuren.

2020 08 21 aoelfb fraenkischer rotweinwanderweg fluegelaltar bachgaumuseum info-icon-20px Foto: Andreas Drouve
Fränkischer Rotwein-Wanderweg: Im Bachgaumuseum in Großostheim können Besucher einen spätgotischen Flügelaltar aus der Drippelskapelle bewundern – in der Mitte Maria, flankiert von Katharina und Barbara.

Unweit der am Markt­platz gele­ge­nen Kir­che öff­net Ewald Lang die Pfor­te ins Bach­gau­mu­se­um, das ursprüng­lich ab dem Spät­mit­tel­al­ter als dom­props­tei­li­ches Lehens­gut fun­gier­te. Lang, Muse­ums­lei­ter und Vor­sit­zen­der des Geschichts­ver­eins, bringt in die Abtei­lung Kir­che und Volks­fröm­mig­keit“. Eine Bibel von 1702 in Schweins­le­der­ein­band nennt er lachend alte Schwar­te“ und schwenkt zu einem spät­go­ti­schen Flü­gel­al­tar aus der Drip­pelska­pel­le. Katha­ri­na und Bar­ba­ra flan­kie­ren Maria mit dem Kind. Typisch für damals waren die S‑förmigen Figu­ren, die schö­nen Locken und die tie­fen Fal­ten von den Gewän­dern“, erklärt Ewald Lang. Unser aller­bes­tes Stück“, nennt er einen klei­nen Flü­gel­al­tar aus sel­ber Zeit, nur 67 cm hoch und 59 cm breit. Im Fokus steht die hei­li­ge Fami­lie, bekannt ist er als Groß­ost­hei­mer Kripp­chen. Sol­che Altar­stif­tun­gen waren Aus­druck der Volks­fröm­mig­keit und zugleich des Reich­tums ein­zel­ner Bür­ger oder auch der Zünf­te“, liest man im Muse­ums­heft. In Vitri­nen schaut man auf klei­ne­re Expo­na­te wie Wall­fahrts­me­dail­len und eine auf 1880 datier­te Mus­ter­kol­lek­ti­on eines Rosenkranzhändlers.

Los geht’s, immer dem Wan­der­sym­bol nach: einem gut gefüll­ten, leicht gekippt ste­hen­den Rot­wein­glas. Den land­schaft­li­chen Rah­men geben das Main­tal und die Aus­läu­fer von Spes­sart und Odenwald.

Noch vor dem Beginn der Wein­la­gen liegt hin­ter Groß­ost­heim die Alt­hei­lig­kreuz-Kapel­le am Weg; durch ein Git­ter fällt der Blick auf eine win­zi­ge Mater Dolo­ro­sa. Und so geht es heu­te und bei den nächs­ten Tages­etap­pen wei­ter: nicht nur durch Reb­gär­ten und Misch­wäl­der, an Streu­obst­wie­sen, Brom­beer- und Hasel­nuss­sträu­chern längs – son­dern immer wie­der zu sakra­len Rari­tä­ten. Bis Obern­burg sind das eine Hir­ten­ka­pel­le für Sankt Wen­de­li­nus, eine Kapel­le mit dem Appell Hl. Georg, bitt für uns“, ein Bil­der­stock mit der Schmer­zens­mut­ter und der Inschrift: Woher, wohin, wozu geht der Weg dei­nes Lebens, du fragst vergebens.“

Blick­fang in der Römer­grün­dung Obern­burg ist die Hal­len­kir­che Peter und Paul aus den Sech­zi­ger­jah­ren; der Turm steht sepa­rat vom Bau­kör­per. His­to­ri­ker und Stadt­füh­rer Eric Erfurth, der das fei­ne Römer­mu­se­um lei­tet, war hier einst Minis­trant. Er kennt den ver­steck­ten Zugang in die okto­go­na­le Kryp­ta. In der Tie­fe fällt gedämpf­tes Licht durch Bunt­glas­fens­ter. Die hat mein Paten­on­kel gemacht, Kunst­ma­ler Richard Reis“, sagt Erfurth und setzt hin­zu: Bei ihm konn­te man schön in der Werk­statt spielen.“

Obern­burgs Kapel­len­gas­se hält, was sie ver­spricht. Eine Kapel­le ist der Schmerz­haf­ten Mut­ter Got­tes, eine zwei­te Maria Krö­nung geweiht. Der Höhe­punkt liegt ein Stück­chen wei­ter hin­ter dem Fried­hof: die Kapel­le Sankt Anna, im 13. Jahr­hun­dert für Sankt Noit­bur­gis erbaut. Im ein­schif­fi­gen Innern fin­den sich Res­te einer römi­schen Mithras­wei­hung, ansons­ten fühlt man sich wie in einem Sakral­mu­se­um. Bes­tens prä­sen­tiert und beschrif­tet sind diver­se Figu­ren auf Podes­ten, dar­un­ter Maria Mag­da­le­na, Odi­lia und Noit­bur­gis in gol­de­nen Gewän­dern. Ein Ensem­ble aus Minia­tu­ren macht den Not­hel­fer­al­tar zum Uni­kat; die Figu­ren fer­tig­te 1791 der Bild­hau­er Peter Vam­bach. Ein wei­te­res High­light ist im Altar­raum die Skulp­tur der Anna Selb­dritt, ein Geschenk von einem der bekann­tes­ten Söh­ne der Stadt: Johan­nes Obern­bur­ger (um 1486 – 1552), der als Geheim­se­kre­tär Kai­ser Karls V. Kar­rie­re machte.

Zum Kloster Himmelthal und weiter über Engelsstaffeln

2020 08 21 aoelfb fraenkischer rotweinwanderweg klosterkirche himmelthal info-icon-20px Foto: Andreas Drouve
Fränkischer Rotwein-Wanderweg: Prachtvoll ausdekoriert ist die Klosterkirche Himmelthal.

Der Main ist über­quert, ers­te Weins­teil­la­gen sind auf­ge­taucht – dann steht man am Klos­ter Him­mel­thal. 1232 auf gräf­li­che Initia­ti­ve für Zis­ter­zi­en­se­rin­nen begrün­det, kam es Jahr­hun­der­te spä­ter in die Hän­de von Jesui­ten. Nun ist eine Jugend­hil­fe-Ein­rich­tung untergebracht.

Die Kir­che wur­de in Spät­ba­rock­stil neu erbaut und auf­wän­dig aus­de­ko­riert. Die Gewöl­be­ma­le­rei­en im Haupt­schiff ent­stan­den unter Lei­tung von Libo­ri­us Sachs mit Hil­fe zwei­er Gesel­len, die bei der Aus­ge­stal­tung der Würz­bur­ger Resi­denz unter Gio­van­ni Bat­tis­ta Tie­po­lo mit­ge­wirkt hat­ten. Sie zei­gen den von Pfei­len durch­bohr­ten Sebas­ti­an und ein römi­sches Zelt­la­ger, dar­über die hie­si­ge Klos­ter­an­la­ge. Kurio­sum links unten an der Sei­te: ein Kamp­f­e­le­fant mit einem Rüs­sel­pan­zer, dar­auf ein Bogen­schüt­ze. Wer die Wen­del­trep­pe zur Empo­re mit ihrer Barock­or­gel auf­steigt, nähert sich dem Decken­mo­tiv von Kai­ser Dio­kle­ti­an, der den hei­li­gen Sebas­ti­an zum Tode ver­ur­teil­te; dem auf­ge­mal­ten Herr­scher hängt das ech­te Glo­cken­seil aus dem Herz.

Ein zwei­tes Klos­ter, Engel­berg, erfor­dert hin­ter Groß­heu­bach einen klei­nen Abste­cher – und Kon­di­ti­on. Hin­auf füh­ren die Engels­staf­feln“. 612 Stu­fen machen sie laut Schild zur längs­ten stei­ner­nen Außen­trep­pe Bay­erns“. In einer Chris­tus­ka­pel­le am Auf­stieg haben Gläu­bi­ge hand­ge­schrie­be­ne Spruch­kar­ten an ein Git­ter gehängt. Fang‘ jeden Tag dei­nen Glanz auf, denn du bist Got­tes Kind“, liest man da.

Die Ursprün­ge des Klos­ters Engel­berg ver­lie­ren sich im Mit­tel­al­ter. Heu­te liegt es in Hän­den von vier Fran­zis­ka­nern. Sehens­wert sind die Sand­stein­fi­gur des Erz­engels Micha­el über dem Kir­chen­por­tal, die Mari­en­ka­pel­le und die Gruft der Fürs­ten zu Löwen­stein mit einem Chris­tus­mo­sa­ik. Auf dem Vor­platz stopft sich eine der vier Engels­skulp­tu­ren Trau­ben in den Mund. Für welt­li­che Belan­ge ist die Klos­ter­schän­ke zustän­dig. Hier gibt’s nicht nur Würst­chen und Wein, son­dern auch Klos­ter­bier“.

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Fränkischer Rotwein-Wanderweg: Spektakulär ausgemalt ist die Martinskapelle in Bürgstadt.

Zurück am Main, schlen­dert man im idyl­li­schen Mil­ten­berg durch Fach­werk­ku­lis­sen zur Jako­bus­kir­che. Drin­nen ver­die­nen in der Staf­fel­ka­pel­le das Gna­den­bild der Staf­felm­a­don­na“ und der Ala­bas­ter­al­tar von Hans Juncker Beach­tung; die fili­gra­nen Fein­ar­bei­ten des Künst­lers reich­ten bis zu den Fuß­nä­gel­chen des Jesuskinds.

Im nahen Bürg­stadt gibt die Mar­tins­ka­pel­le einen Grund, kurz vom Weg abzu­kom­men. Mut­maß­lich um 950 ent­stan­den, zählt sie zu den ältes­ten Kirch­bau­ten im frän­ki­schen Raum. Füh­re­rin Doro­thea Zöl­ler bringt ins Spiel, dass ein Quell­hei­lig­tum der Kel­ten“ der fer­ne Vor­läu­fer gewe­sen sein könn­te. Das Inte­ri­eur ist spek­ta­ku­lär aus­ge­malt. Kuri­os: ein Kro­ko­dil als Höllenmaul.

Bei Bürg­stadt spielt der Frän­ki­sche Rot­wein­wan­der­weg in wei­ten Schlei­fen sein gro­ßes Fina­le: nicht mehr mit Kir­chen, dafür mit Wein­gär­ten im Überfluss.

Text: Andre­as Drouve

Seit mitt­ler­wei­le 30 Jah­ren gibt es den Frän­ki­schen Rot­wein-Wan­der­weg – alle Infor­ma­tio­nen: https://​www​.chur​fran​ken​.de/​a​k​t​i​v​-​k​u​l​t​u​r​/​f​r​a​e​n​k​i​s​c​h​e​r​-​r​o​t​w​e​i​n​-​w​a​n​d​e​rweg/