Der Finger Gottes – Wie ein Erlebnis auf seiner Weltreise Theo M. Schlaghecken zurück zum Glauben führte

Michael Glaß am 16.12.2019

2019 12 altoetting lfb theo m schlaghecken1 info-icon-20px Foto: Theo M. Schlaghecken
Der Autor des Buches „Die Verlässlichkeit des Zufalls“, Theo M. Schlaghecken, unterwegs in der bolivianischen Salzwüste.

Mit damals 39 Jahren beschloss Theo M. Schlaghecken, Sicherheit und gutes Gehalt gegen eine Reise ins Ungewisse zu tauschen. Über zwei Jahre reiste er mit dem Motorrad um die Welt. „Heute weiß ich ein klein wenig besser, wer ich bin“, sagt er. Nach 53 Ländern und 100.000 Kilometern wusste Theo: Es geht nicht darum, was dir passiert, sondern darum, was es mit dir macht… Unter anderem fand er durch einen Schicksalsmoment zu seinem Glauben an Gott zurück und entdeckte die „Verlässlichkeit des Zufalls“. Aber lesen Sie selbst.

Fast zwei Jah­re war ich schon allei­ne unter­wegs auf mei­nem Motor­rad, auf mei­ner Rei­se ein­mal um die Erde. Und viel­leicht muss­te ich so weit rei­sen, um dort, fast am Ende der Welt, jeman­den ganz beson­de­rem zu begegnen …

Dani­el kann­te ich erst drei Stun­den und doch hat­ten wir beschlos­sen, gemein­sam wei­ter­zu­fah­ren. Zumin­dest so lan­ge, bis wir uns gegen­sei­tig auf die Ner­ven fal­len wür­den. Doch es klapp­te gut mit uns, und so waren wir auch noch Wochen spä­ter zusam­men in Süd­ame­ri­ka unter­wegs. Dani­el war sehr ent­spannt, was den Ver­lauf sei­ner Rei­se­rou­te anging, und wir wur­den uns immer einig. Wir woll­ten Weih­nach­ten am Ende der Welt, in Ushua­ia verbringen.

Sechs Tage waren es noch bis Hei­lig­abend, doch wir konn­ten uns nicht von Men­do­za tren­nen. Men­do­za ist nicht nur eine Stadt im zen­tra­len Wes­ten Argen­ti­ni­ens, sie ist auch mit ihren vie­len Bode­gas und guten Restau­rants ein Eldo­ra­do für Wein­lieb­ha­ber und Gour­mets. Wir lieb­ten die­sen Ort, doch es half nichts: Etwa drei­ein­halb­tau­send Kilo­me­ter waren es noch bis zum Ende der Welt. Drei­ein­halb­tau­send Kilo­me­ter durch Step­pen­land­schaft. Eine Gedulds­pro­be wür­de es wer­den, aber kei­ne beson­de­re Her­aus­for­de­rung. Eine end­lo­se, gera­de Stra­ße, flach hin­durch­ge­zo­gen durch tro­cke­ne, san­di­ge Pam­pa, sehr gut asphal­tiert; es gab kaum Ver­kehr und genü­gend Städ­te und Dör­fer zum Über­nach­ten und Tan­ken. Wir bezahl­ten für die sie­ben Näch­te, die wir in der Jugend­her­ber­ge in Men­do­za ver­bracht hat­ten, und bra­chen auf.

Drei Tage waren wir schon unter­wegs, und etwa zwei­tau­send Kilo­me­ter hat­ten wir schon hin­ter uns, als wir vom Küs­ten­ort Como­do­ro Riv­a­da­via auf­bra­chen. Wie an den Tagen davor erwar­te­ten uns etwas mehr als sechs­hun­dert lang­wei­li­ge Kilo­me­ter und vor allem star­ker Sei­ten­wind, so stark, dass wir die Motor­rä­der, wie in einer stän­di­gen Kur­ve, etwas schräg legen muss­ten, um wei­ter gera­de­aus fah­ren zu kön­nen. Der Wind blies sehr gleich­mä­ßig. Das erleich­ter­te das Fah­ren sehr, denn wäre er böig, wür­den wir stän­dig vom Wind aus der Spur getra­gen und müss­ten dau­ernd gegenlenken.

Die ers­ten drei­hun­dert Kilo­me­ter die­ses Tages hat­ten wir hin­ter uns. Gedan­ken­ver­sun­ken brumm­te ich dahin und lehn­te mich schon seit Stun­den gegen den von links wehen­den Sei­ten­wind. Hier und da gab es klei­ne­re Sand­ver­we­hun­gen, und so sah ich, wie Dani­el etwa ein­hun­dert Meter vor mir einem lang­ge­zo­ge­nen viel­leicht fünf­zig Zen­ti­me­ter brei­ten Sand­hau­fen aus­wich, der quer über unse­re rech­te Fahr­spur verlief.

Vor gefühl­ten drei­ßig Minu­ten hat­te ich das letz­te Auto gese­hen, und so blick­te ich – wie leicht­sin­nig! – auch nicht in den Rück­spie­gel, als ich dazu ansetz­te, auf die lin­ke Spur zu wech­seln, um auszuweichen.

Ich ver­la­ger­te das Gewicht, so dass die Maschi­ne nach links zog, doch bevor ich die wei­ße Mit­tel­li­nie erreich­te, spür­te ich einen Schlag von links. Eine Wind­böe. Sie traf mich so hef­tig, so unvor­be­rei­tet, dass ich augen­blick­lich auf mei­ne Spur zurück­ge­drängt wur­de. Erneut nahm ich Anlauf und ver­such­te nach links zu wech­seln und noch ein­mal kommt sie mit aller Wucht zurück, die Böe, und ich schaff­te es tat­säch­lich nicht, auf die ande­re Fahr­spur zu kommen.

In genau die­sem Moment pas­sier­te es. Nur einen hal­ben Meter links von mir schoss ein Auto mit hoher Geschwin­dig­keit an mir vor­bei, ganz dicht neben mir, über­hol­te mich mit min­des­tens hun­dert­vier­zig Stun­den­ki­lo­me­tern. Der Sand­hau­fen war schon sehr nah, ich brems­te, doch zu spät. Die Räder ras­ten durch den Sand. Die Stoß­dämp­fer schluck­ten schon viel, doch eben nicht alles. Das Motor­rad schlin­ger­te, brach hin­ten kurz aus, ich droh­te zu stür­zen, doch dann fing ich die Maschi­ne ab und konn­te sie in der Spur halten.

Shit!“, rief ich in mei­nen Helm, Shit, das war knapp!“ Ich hat­te wei­che Knie und brauch­te ein paar Minu­ten, bis mir klar wur­de: Den Sand­hau­fen hat­te ich über­lebt. Aber was wäre, wenn ich es geschafft hät­te, die Spur zu wech­seln? Ich hät­te kei­ne Chan­ce gehabt. Das Auto hät­te mich gepackt und viel wäre nicht von mir übrig geblie­ben bei die­ser Geschwin­dig­keit. Eine Kol­li­si­on mit dem Auto, die hät­te ich nicht über­lebt, da war ich sicher.

„Früher, da hatte ich noch mit ihm gesprochen, hatte gebetet“

2019 12 altoetting lfb theo m schlaghecken2 info-icon-20px Foto: Theo M. Schlaghecken
Theo M. Schlaghecken – Autor des Buches „Die Verlässlichkeit des Zufalls“.

Frü­her, da war ich Mess­die­ner gewe­sen und spä­ter sogar Mit­glied im Pfarr­ge­mein­de­rat. Da hat­te ich noch mit ihm gespro­chen, hat­te gebe­tet. Doch auch damals war das Beten schon mehr nach dem Prin­zip Kann ja nicht scha­den“. Irgend­wann ver­lor ich den Bezug zu ihm, küm­mer­te mich nur noch um mein irdi­sches Leben, ging nicht mehr zur Mes­se, und das weni­ge Beten klang in etwa so: Lie­ber Gott, das war ein guter Tag, dan­ke. Ich wür­de mich freu­en, wenn ich bald zum Part­ner in der Fir­ma wer­den wür­de, kannst du da viel­leicht was machen? Wäre schön, und, ach ja, noch was, beschüt­ze mich, mei­ne Freun­de und die Fami­lie. Amen.“

Irgend­wann fand ich mei­ne Gebets­lei­er selbst uner­träg­lich ober­fläch­lich und unbe­tei­ligt. Ich stell­te mir vor, wie Gott da oben saß, mir min­des­tens genau­so gelang­weilt zuhör­te, mit den gött­li­chen Augen roll­te und sag­te: Mel­de dich wie­der, wenn du es ernst mit mir meinst.“

Ich stell­te also die Gebe­te bis auf wei­te­res ein, schließ­lich ging es mir gut, und ich schien Gott im Moment nicht wirk­lich zu brau­chen. Ich nahm mir damals vor, mich dann wie­der bei ihm zu mel­den, wenn es wirk­lich etwas zu sagen gäbe. Jetzt war es so weit.

Also, emm … vie­len Dank erst mal für die Wind­böe. Und ich möch­te mich dafür ent­schul­di­gen, dass ich mich so lan­ge nicht mehr bei dir gemel­det habe. Aber irgend­wie lief alles so gut, und ich war so sehr mit mir und mei­nen Plä­nen beschäftigt.

Du weißt, ich hat­te mei­ne eige­nen Vor­stel­lun­gen dar­über, wie das Leben zu sein hat, dar­über was gut und schlecht ist, dar­über, was man‘ tun soll­te und was nicht. Flei­ßig arbei­ten, Geld spa­ren, irgend­wann eine net­te Frau hei­ra­ten, Kin­der bekom­men, ein Haus bau­en, wei­ter Kar­rie­re machen, in Ren­te gehen, den Lebens­abend genie­ßen, ster­ben. Ganz klas­sisch war es, eine Blau­pau­se der übli­chen Leben. Alles hat­te ich schon fer­tig gezeich­net auf dem Reiß­brett mei­ner Lebens­pla­nung. Scheu­klap­pen setz­te ich mir auf, damit mich auch nichts von mei­nem Weg ablenk­te, mich nichts ver­un­si­cher­te, auch du nicht.

Mein Job lief nach Plan. Eine Frau wür­de ich im Inter­net fin­den. Lovescout24‘ wird mich schon zu mei­nem Ziel brin­gen. Ja, auch die Lie­be will geplant sein. Gesund blei­ben eben­so, daher Fit­ness-Stu­dio drei­mal die Woche. Ja, und Hob­bys müs­sen her. So was gehört schließ­lich zum Leben.

Work-Life-Balan­ce, liest man ja über­all. Also Motor­rad­fah­ren, Bad­min­ton, Sau­na. Dann noch etwas Zeit für Freun­de, für Essen und für Schla­fen, und dann war es voll, mein Leben. Rand­voll gefüllt mit all den Inhal­ten, die ich mir vor­ge­nom­men hat­te, die ich und ande­re für rich­tig hiel­ten, die sau­ber ver­an­kert waren in mei­nen unum­stöß­li­chen Vor­stel­lun­gen davon, wie ein Leben zu sein hatte.

Ich gebe ja zu, viel Gele­gen­heit, mir irgend­et­was ande­res zu zei­gen, hast du nicht gehabt. Nir­gend­wo hat­te ich uns einen Platz ein­ge­räumt, in dem ich nicht von mei­nen Plä­nen getrie­ben war. Wo war der Frei­raum, die Offen­heit, die Bereit­schaft, dem zuzu­hö­ren, das zu den­ken, das zu füh­len, was viel­leicht völ­lig von mei­nen Plä­nen abweicht? War­um ließ ich es nicht zu? Viel­leicht des­we­gen, weil es mir nicht gefal­len hät­te, weil es so gar nicht in die viel zu klei­nen Förm­chen mei­ner Vor­stel­lung vom Leben pas­sen könnte?

Sag mal, kann es sein, dass du irgend­wann mal die Schnau­ze voll hat­test von mei­nen Plä­nen, sau­er warst, dass ich ver­bis­sen dar­an fest­hielt, so dass du auf dei­ne Art so rich­tig laut gewor­den bist und mich her­aus­ge­zerrt hast aus dem Gefäng­nis mei­ner eige­nen Vor­stel­lun­gen? Ich mei­ne damals, als ich im Wohn­zim­mer mei­ne Pro-und-Con­tra-Lis­te für die Welt­rei­se auf­stell­te und ich plötz­lich gegen alle mei­ne Plä­ne und völ­lig unver­nünf­tig beschloss: Just do it.‘ Warst du das, als ich mich damals selbst nicht wiedererkannte?

Und was ist mit den Zufäl­len? Ich ver­mu­te, nichts pas­siert zufäl­lig, rich­tig? Und damit mei­ne ich nicht nur so etwas, wie die Wind­böe vor­hin, ich mei­ne ein­fach alles, was uns pas­siert. Jede Begeg­nung, jeder Blick, jeder Atem­zug. Nein, ich den­ke nicht, dass du alles bestimmst und wir nicht selbst ent­schei­den könn­ten. Es gibt ihn, unse­ren frei­en Wil­len‘, und es gelingt uns auch, unse­re eige­nen Plä­ne zu ver­fol­gen. So weit gehst du nicht. Wir ent­schei­den, wo wir leben, wohin wir gehen, wen wir tref­fen. Doch wäh­rend wir das tun, sprichst du mit uns. Auf dei­ne Art. Durch die zufäl­li­gen und unge­plan­ten Ereig­nis­se und durch die lei­sen Gefüh­le in uns, durch unse­re ewig flüs­tern­de inne­re Stimme.

Und dann ist es unse­re Ent­schei­dung, ob wir dich, unser wort­lo­ses Gefühl, unse­re lei­se Intui­ti­on, unse­re flüch­ti­ge Ahnung davon, wer wir wirk­lich sind, ein­fach igno­rie­ren und an unse­ren Plä­nen fest­hal­ten oder ob wir doch einen Moment still wer­den, die Gedan­ken ruhen las­sen, uns ent­span­nen, hin­ein­hor­chen in uns, spü­ren, was kommt, und ver­su­chen zu erah­nen, was du für uns gedacht hast.

Ich glau­be, wir haben sie alle irgend­wo in uns, die­se Stim­me, das ewi­ge Flüs­tern unse­rer See­le. Du bist da, immer und für jeden. Es ist nie die Fra­ge, zu wem du sprichst, es ist immer nur die Fra­ge, wer dir zuhört. Spä­tes­tens jetzt, nach die­ser Akti­on mit der Wind­böe, gibt es für mich den Zufall als einen der gro­ßen Wei­chen­stel­ler in mei­nem Leben nicht mehr. Alles, was pas­siert, erscheint mir wie die Tei­le eines gro­ßen, für uns nicht über­schau­ba­ren Puz­zles, die erst spä­ter erkenn­bar auf wun­der­sa­me Wei­se prä­zi­se auf ihren Platz fal­len. Ich glau­be, wir ver­mö­gen es nicht, die gro­ße Ein­heit dahin­ter zu erken­nen, und beschrei­ben das Zusam­men­kom­men der Ereig­nis­se nur schul­ter­zu­ckend, hilf­los und mit mäch­ti­gem Erstau­nen als gro­ßen Zufall‘. Der Zufall‘ ist somit viel­leicht nur ein künst­li­ches Erklä­rungs­kon­strukt, ein dün­nes Schlei­er­tuch, das uns schützt vor dem uner­träg­li­chen Blick auf unse­re immense Ahnungs­lo­sig­keit vom zusam­men­hän­gen­den Gro­ßen und Gan­zen, das unser Leben und die Welt ausmacht.

Den Din­gen aber ihr Gesche­hen zu ermög­li­chen und damit dem Zufall‘, also eigent­lich uns selbst, eine Chan­ce zu geben, das erfor­dert viel­leicht, das eige­ne Wol­len ein wenig los­zu­las­sen, erfor­dert ein gewis­ses Maß an Plan­lo­sig­keit, damit mehr Luft in unser Leben kommt, damit Frei­räu­me und Lan­de­plät­ze ent­ste­hen, damit uns viel mehr von dem zufällt‘, was für uns gedacht ist. Wir soll­ten viel öfter die eige­ne Zwangs­ja­cke unse­rer stren­gen Pla­nung ver­su­chen zu lockern und uns dann über­ra­schen las­sen, was du uns dort hineinsteckst.

Hilf mir ein wenig, Augen und Ohren offen zu hal­ten, wach­sam und acht­sam zu sein, damit ich mehr spü­re, was mein Leben für mich will.

Bis spä­ter … emm, ich mei­ne: Amen‘.“

Getra­gen von dem Gefühl, nicht allein unter­wegs zu sein, war ich auf dem Weg zu mei­nem Weih­nachts­fest. Von die­sem Tag an hat­te ich einen inne­ren Mit­fah­rer“ und immer dann, wenn mir danach war, dann plau­der­te ich mei­ne Gedan­ken ein­fach in den Helm hin­ein und tat so, als hör­te er mir zu.

Dabei ahn­te ich noch nicht, wel­ches Geschenk mich dort am Ende der Welt erwar­ten würde …

Text: Theo M. Schlaghecken

Buch-Tipp

2019 12 altoetting lfb theo m schlaghecken buchcover info-icon-20px Foto: Verlag Theo M. Schlaghecken
Buchcover „Die Verlässlichkeit des Zufalls“

Der Text ist ein Aus­zug aus dem Buch Die Ver­läss­lich­keit des Zufalls“. Es ist ein sehr per­sön­li­ches Buch über eine Welt­rei­se und ihre Aus­wir­kun­gen – eine Erzäh­lung dar­über, wie schwer es dem Autor fiel, die­sen Aus­bruch zu wagen, wie sehr die Begeg­nun­gen mit den Men­schen, mit Gefah­ren und der Armut sei­ne Sicht auf die Welt ver­än­dert haben. Und wie schwer es ist, zurück­zu­kom­men. Es geht um Schick­sa­le, das Glück und um Gott. Paper­back: 14,90 Euro (ISBN 9783981981001), E‑Book: 10,99 Euro (ISBN 9783981981025).