Alles in allem – ein Zwischenruf von Bruder Paulus Terwitte

Michael Glaß am 16.06.2020

2019-kapuziner-in-altoetting Foto: Roswitha Dorfner
Kapuziner in Altötting.

Größer, schneller, reicher? Die Krise hat unsere Ansprüche und Lebensweise auf die Probe gestellt und uns gelehrt zu verzichten. Das dient nicht nur dem Gemeinwohl, sondern bringt uns selbst mehr Freiheit, Glück und Zufriedenheit.

2020 06 12 aoelfb lemrich bruder paulus terwitte Foto: LÊMRICH
Verzicht als Weg zum Glück: Für Bruder Paulus Terwitte ist das kein Widerspruch – ganz im Gegenteil.

Wer hät­te das gedacht: Die Welt ist im Ver­zichts­mo­dus. Der Shut­down hat alle getrof­fen. Angst brach­te das Räder­werk der Wirt­schaft, Kul­tur und der Lebens­pla­nung zum Erlie­gen. Jetzt ist die Chan­ce für einen Reset. Doch wird die Coro­na-Kri­se unse­re Lebens­wei­se grund­le­gend verändern?

Die Natur sen­det uns mit dem Virus und der anhal­ten­den Kli­ma­kri­se eine Bot­schaft“, sagt Inger Ander­sen, Umwelt­che­fin der Ver­ein­ten Natio­nen. Jahr­zehn­te­lang haben wir unse­ren über­gro­ßen Appe­tit gestillt, indem wir indus­tri­el­le Akti­vi­tä­ten auf eine immer grö­ße­re Flä­che des Pla­ne­ten aus­dehn­ten und wil­de Arten zwan­gen, sich mit uns in den ver­blei­ben­den Lebens­räu­men zu drän­gen. Das hat dazu geführt, dass tie­ri­sche Mikro­ben in den mensch­li­chen Kör­per ein­drin­gen und Epi­de­mien aus­lö­sen konn­ten. Für den ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­phi­lo­so­phen Charles Eisen­stein ist Covid-19 wie eine Reha-Inter­ven­ti­on: Wenn die Kri­se abklingt, könn­ten wir uns fra­gen, ob wir zur Nor­ma­li­tät zurück­keh­ren wol­len oder ob wir wäh­rend die­ser Unter­bre­chung etwas gefun­den haben, das wir in die Zukunft mit­neh­men wol­len. Nach­dem so vie­le Men­schen ihren Arbeits­platz ver­lo­ren haben, könn­ten wir über­le­gen, ob es sich in allen Fäl­len um Jobs han­delt, die die Welt am meis­ten braucht, oder ob unse­re Fähig­kei­ten anders­wo bes­ser ein­ge­setzt wer­den könn­ten. Wir könn­ten uns auch fra­gen, nach­dem wir dar­auf ver­zich­tet haben, ob wir so vie­le Flug­rei­sen, Dis­ney-World-Urlau­be oder Mes­sen wirk­lich brauchen.“

Der Ver­zicht um des bes­se­ren Lebens wil­len hat vie­le Facet­ten. In einer Welt, in der man sich vom Vie­len ver­lo­cken lässt, bricht sich die beglü­cken­de Erkennt­nis Bahn: In allem, was mög­lich ist, fin­det man eben nicht das, was man für alles“ hält. Es macht höchs­tens neu­gie­rig: Es muss mehr geben – etwas, das mich mei­ne Frei­heit gebrau­chen lässt, sodass der Durst nach Zufrie­den­heit gestillt wird. Es geht nicht um das Etwas von allem, son­dern um das Etwas in allem.

Die Mär­chen­bü­cher die­ser Welt sind voll von Rei­sen­den, die die gan­ze Welt haben wol­len. Am Ende lan­den sie bei sich daheim. Der Fischer und sei­ne Frau, Hans im Glück und Aschen­put­tel neh­men jene an die Hand, die auf die uner­reich­ba­re Fül­le schau­en, und leh­ren das Glück des ein­fa­chen Lebens. Eines, das nicht gekauft wer­den kann. Das über dem Alles“ steht, das man haben woll­te. Das einem zufällt oder errun­gen wer­den kann. Viel­leicht weckt wie beim Dich­ter Joseph von Eichen­dorff ein Zau­ber­wort die­ses Lied vom Glück, das in allen Din­gen schläft.

Schläft ein Lied in allen Dingen ...

Schläft ein Lied
in allen Din­gen,
die da träu­men fort und fort,
und die Welt
hebt an zu sin­gen,
triffst du nur
das Zau­ber­wort.

Joseph von Eichendorff

2019-bruder-konrad-verteilt-brot-an-die-kinder Foto: Roswitha Dorfner
Bruder Konrad verteilt als Pförtner im damaligen Altöttinger St. Anna-Kloster Brot an Kinder. Darstellung in Altötting.

Als Mann im Klos­ter bin ich einer der Glück­li­chen, denen die­ses Lied zu Her­zen gegan­gen ist. Im Blick auf die Träu­me mei­ner Mit­schü­ler vor dem Abitur war mir klar: Ich will mich nicht dem Dik­tat unter­wer­fen, mög­lichst viel im Leben zu errei­chen. Mir war klar, dass das Leben mich erreicht hat. Ob ich einen Apfel esse oder ein Ster­ne­me­nü – in allem ist das glei­che Glück. In einen Orden ein­zu­tre­ten war für mich die größ­te Frei­heit. Vor lau­ter Fül­le, die ich erfah­ren hat­te, konn­te ich gar nicht anders. Ich woll­te ohne Eigen­tum leben, in keu­scher Ehe­lo­sig­keit und in Gehor­sam. Besitz oder Bezie­hung ver­lock­ten mich weni­ger als die Aus­sicht, dem Glück selbst nahe zu sein, das dar­in zu fin­den ist.

Für mich ist das kei­ne Groß­tat, son­dern eine Kon­se­quenz aus mei­nem Zugang zum Sinn und Zweck von allem. Ich lese jetzt von Pur­po­se“ (Zweck) als Mit­tel der Mit­ar­bei­ter­mo­ti­va­ti­on. Wenn nicht klar ist, wozu ich arbei­te und wozu ich lebe, wozu es das alles gibt, was mög­lich ist: Wozu dann über­haupt arbei­ten und leben? Um es gemacht zu haben? Die drit­te Rei­se, das vier­te Auto, der nächs­te Lebens(abschnitts)partner? Ich bin nicht gegen neue Ent­schei­dun­gen. Alte Ver­spre­chen muss ich womög­lich bre­chen, Lebens­ent­wür­fe kön­nen schei­tern. Aber der Durst nach dem wah­ren Glück wird so nicht gestillt. Es gilt zu erken­nen: In allem ist ein Feh­ler. Ich muss mich selbst mit­neh­men zu den schöns­ten Orten; dort wird es Auf­bau­en­des und Nie­der­schmet­tern­des geben. Nur wer das Glück schon in sich trägt, kann es hin und wie­der auch erle­ben in dem, was ihm mög­lich ist an Leben.

Ver­zich­ten ist die logi­sche Fol­ge der Erfah­rung von Sinn und Zweck des eige­nen Lebens. Der jun­ge Mann, der sich ver­liebt hat, ver­zich­tet plötz­lich auf Par­ty­näch­te. Wer sei­nen Kör­per als Geschenk erlebt, ach­tet auf maß­vol­les Essen, genü­gend Bewe­gung und aus­rei­chend Schlaf. Ich per­sön­lich ver­zich­te auf vie­le Ter­mi­ne – um der Frei­zeit, des Gebets und der Ruhe wil­len. Wer ver­zich­tet, hat sich ent­schie­den. Für ihn ist nicht der Kon­sum der Mög­lich­kei­ten der Weg zum Glück. Son­dern die Frei­heit, sie zu verneinen.

Ob der Shut­down Lust auf weni­ger machen wird? Oder wird nach die­sem Reset alles ein­fach wie­der unge­zü­gelt hoch­ge­fah­ren? Jeden­falls ist in den Blick gera­ten, dass man mit weni­ger immer noch ein­an­der hat. Dass dies ein Glück ist. Dass uns alles geschenkt ist. Ich bin Leben, das leben will, inmit­ten von Leben, das leben will“, erkann­te der Theo­lo­ge und Urwald­dok­tor Albert Schweit­zer. Das Alles“ ist in dir. Im Klos­ter sin­gen wir: Du bist unser Gott und unser Alles. Wer so nicht beten kann, trin­ke fri­sches Was­ser, bei­ße in ein Brot, rei­che dem Nächs­ten die Hand und erfah­re, dass es kaum mehr braucht zum Leben.“

Text: Br. Pau­lus Ter­wit­te (Der Bei­trag erschien zuerst im S‑Magazin Som­mer 2020“)

Bru­der Pau­lus Ter­wit­te, 60, lebt mit acht Brü­dern im Kapu­zi­ner­klos­ter Lieb­frau­en in Frank­furt am Main, wel­ches er bis 2019 lei­te­te. Er ist Vor­stand der Fran­zis­kus­treff-Stif­tung, die sich um die Armen­spei­sung küm­mert, und arbei­tet in der Seel­sor­ge. Der Theo­lo­ge ver­öf­fent­lich­te meh­re­re Bücher und dis­ku­tier­te in eige­nen Talk­sen­dun­gen über ethi­sche und mora­li­sche Zeitfragen.

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