Wohin mit dem Stolz? – Ein Impuls zum rechten Blick auf sich selbst und die anderen

Michael Glaß am 10.12.2019

2019 10 lfb bewusst leben dr mandel info-icon-20px Foto: privat
Der Autor Dr. Karl-Herbert Mandel (81) ist engagierter Christ und Psychotherapeut im Ruhestand.

In der Genesis heißt die Ursache aller Sünde: "Denn sie wollten sein wie Gott". Der katholische Theologe Heribert Mühlen meinte dazu lakonisch: "Irgendwie ist das nie ganz rauszukriegen". Wie eine neunköpfige Hydra haust in jedem Menschen die Versuchung, sich etwas einzubilden.

2019 10 lfb bewusst leben hahn info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Stolz "wie der Gockel" gebärden sich oft auch die Menschen ...

Im Fern­se­hen ist von früh bis spät zu ver­neh­men: Ich bin stolz auf, wir sind stolz auf …” Da genügt schon die glei­che Lands­mann­schaft – und man bil­det sich etwas ein auf Leis­tun­gen, zu denen man selbst nicht das Gerings­te bei­getra­gen hat – oder dies auch nicht könn­te. Der Inhalt, die Wer­te sind dabei völ­lig gleich­gül­tig: es muss nur in irgend­ei­ner Hin­sicht das größ­te, längs­te sein (z.B. Apfel­stru­del, Fin­ger­nä­gel, Bär­te … sie­he auch Guin­ness-Buch der Rekor­de). Oder eine Fami­li­en­zu­ge­hö­rig­keit, vor allem mit Besitz … und man schaut auf die ande­ren run­ter, die nicht dazu­ge­hö­ren, also nicht so groß­ar­tig sind. Sehr wirk­sam, aber im Grun­de meist lächer­lich, nichts als hei­ße Luft – jedoch ein wenig Macht über ande­re, über Kon­kur­ren­ten aller Art, die man durch die eige­ne Groß­ar­tig­keit zu beschä­men sucht. Und wenn man noch blen­dend” (!) aus­sieht, bewirt­schaf­tet man dies ger­ne, erliegt der Ver­su­chung, als Bild ohne Gnad” zu agie­ren. Jetzt beginnt der Teu­fels­kreis des Sich-Her­vor­tuns: Denen wer­de ich es aber zeigen!”

Das gebiert Neid, oft sogar Hass, Rache, Mord­ge­lüs­te, die­sen Kains-Affekt. Unver­kenn­bar aller­dings ist die­ses dubio­se Motiv Stolz” in jun­gen und mitt­le­ren Jah­ren ein fast unver­zicht­ba­rer Hilfs­mo­tor für Leis­tun­gen in allen Lebens­be­rei­chen. Es kommt indes­sen dar­auf an, dass der Stolz nicht zum vor­herr­schen­den Beweg­grund wird, dass er nicht zum Steu­er­mann wird. Wo eine wirk­li­che geis­ti­ge Über­le­gen­heit vor­han­den ist, wird der Stolz stets unter guter Kon­trol­le sein” (Jane Austen).

Dann soll halt Antonius die Ansprache halten!

2019 10 lfb bewusst leben antonius info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Der heilige Antonius von Padua – im Bild in einer Darstellung in der Neuöttinger Spitalkirche – war ein unerreichbares Vorbild an Bescheidenheit.

Der hei­li­ge Anto­ni­us von Padua war ein uner­reich­ba­res Vor­bild an Beschei­den­heit. Schwei­gend, mit Hin­ga­be, mach­te er Tag für Tag im Klos­ter bei For­li alle Putz- und Dreck­ar­bei­ten. Die Mit­brü­der hiel­ten ihn des­halb für geis­tig beschränkt. Dann fiel bei einer Pri­miz plötz­lich der Pre­di­ger aus. Einer spot­te­te: Dann soll halt Anto­ni­us die Anspra­che hal­ten! Er tat es ohne Zögern, so groß­ar­tig, so bewe­gend, dass alle sprach­los staun­ten. Fran­zis­kus ernann­te ihn dar­auf­hin zum Theo­lo­gie­leh­rer, nann­te ihn sei­nen Bischof und beauf­trag­te ihn, in den Städ­ten der Roma­gna zu pre­di­gen. Über­all ström­ten die Men­schen her­bei und füll­ten die gro­ßen Plätze.

Wer auf sich selbst all­zu stolz ist, der ist fast immer auch undank­bar. Die Undank­bar­keit ist viel­leicht das schlimms­te Defi­zit im All­tag, im Ver­hal­ten der Leu­te unter­ein­an­der. Auch Jesus selbst war dadurch ver­letzt: Von den zehn geheil­ten Aus­sät­zi­gen kam nur ein ein­zi­ger zu ihm und dank­te ihm. Jesus: Wo sind die übri­gen neun?”

Die Undank­bar­keit wur­zelt im Inne­ren unse­rer See­le. Nach dem Mot­to: Wenn ich dem ande­ren dan­ke, wenn ich ihm was ver­dan­ke, dann ist er mir ja über”! Und das zeig und sag ich ums Ver­re­cken” nicht. Sonst bil­det er sich noch was ein und meint, er ist mir über­le­gen. Macht­er­halt um fast jeden Preis …

"Wenn wir wissen, dass alles in uns Geschenk ist, dann werden wir auch nicht überheblich ..."

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Statt gedanken- und verantwortungslosem Stolz braucht es mehr Freude und Dankbarkeit für die Geschenke, die mir zugeteilt sind – echte Freude und Dankbarkeit, wie sie der Gesichtsausdruck des Fischers auf dem Hintersee bei Ramsau in diesem Bild zeigt.

Auch der ent­schie­dens­te Athe­ist muss bei ehr­li­chem und kon­se­quen­tem Nach­den­ken erken­nen: Abso­lut nichts von den viel­fäl­ti­gen Bedin­gun­gen, die zu Glück, Wohl­stand, Gesund­heit usw. und deren Auf­recht­erhal­tung füh­ren, kann und konn­te er selbst her­stel­len. Ver­weist er dar­auf, wie sehr er sich dafür ins Zeug gelegt hat und immer noch legt, dann sage ihm: Er hat kei­ne Krank­heit, die ihn lähmt, er hat den Antrieb, die Gesund­heit, die güns­ti­gen Lebens­um­stän­de, die Bega­bung dazu, und vie­les mehr. Auch sei­ne Mit­wir­kung ver­dankt er Kräf­ten, die er selbst, als Schöp­fer sei­ner selbst”, nie­mals her­stel­len kann.

Wenn wir wis­sen, dass alles in uns Geschenk ist, dann wer­den wir auch nicht über­heb­lich und geben auch nicht stolz mit unse­ren Fähig­kei­ten an. Wir füh­len uns viel­mehr ver­ant­wort­lich für die­ses Geschenk, das wir erhal­ten haben. Und wenn wir Erfolg haben mit unse­rem Leben, freu­en wir uns dar­über, aber wir erhe­ben uns nicht über ande­re, son­dern erin­nern uns dar­an, was alles uns zuge­fal­len ist ohne unser Ver­dienst und ohne unser Zutun.” (Anselm Grün, in Stau­nen”, S. 294 f.)

Das alles immer wie­der zu erken­nen, immer wie­der zuzu­ge­ben, wenigs­tens zuerst im eige­nen Inne­ren, das tut weh: der Selbst­lie­be, der Selbst­er­hö­hung, dem Nar­ziss­mus. Und wir flie­hen davor wie vor der Pest. Was da weh tut, wird nur dann zu einem heil­sa­men, hei­len­den Schmerz, wenn ich run­ter vom letzt­lich lächer­li­chen hohen Ross des Stol­zes, immer wie­der in nüch­ter­ner Ehr­lich­keit auf die­se Erb­sün­de” nach­ge­ra­de spi­ri­tu­ell ant­wor­te: Zuerst bin ich dank­bar dafür, was mir an Gutem geschenkt ist; das darf ich mit Freu­de aus­kos­ten und soll es auch – aber die weit­hin übli­chen, von Stolz domi­nier­ten Ver­hal­tens­for­men ver­let­zen und demü­ti­gen oft Men­schen, die mit dem tol­len Hecht” kon­fron­tiert sind. Der hat unver­schämt” Glück gehabt! Folg­lich gehört es sich, dass mei­ne Freu­de und Dank­bar­keit für die Geschen­ke, die mir unver­dient, unver­füg­bar, schick­sal­haft zuge­teilt sind, im Blick auf Mil­li­ar­den ärme­rer Men­schen von dem exis­ten­ti­el­len Gefühl der Scham ergänzt und sozi­al beant­wor­tet wer­den muss, will ich nicht die Boden­haf­tung ver­lie­ren und aso­zi­al wer­den. Blei­be ich stolz, demü­ti­ge ich ande­re Men­schen dadurch. Ich blei­be exis­ten­ti­ell ein Lüg­ner und Dumm­kopf: Dumm­heit und Stolz wach­sen auf einem Holz”.

"Gegen große Vorzüge eines Anderen gibt es kein anderes Rettungsmittel als die Liebe"

2019 10 lfb bewusst leben gebet info-icon-20px Foto: Roswitha Dorfner
Echte Spiritualität hat auch eine soziale, ja politische Dimension. Im Bild: Eine Beterin in der Anbetungskapelle.

Und wenn ich die­sen ehr­li­chen, spi­ri­tu­el­len, stei­len Weg gehe (auch als Athe­ist), wächst in mir hof­fent­lich der Impuls, etwas zurück­ge­ben zu wol­len, ande­ren Men­schen in Not etwas zuteil wer­den zu las­sen. Men­schen, die auf die­ser Grund­la­ge der Ehr­lich­keit leben, die sind ange­nehm unar­ro­gant, beschei­den. Ijo­ma Man­gold: Demut meint nichts ande­res, als der her­ben Rea­li­tät des eige­nen Zwer­gen­tums ohne Auf­mu­cken ins Auge zu bli­cken!” Das ist es! Es gibt die­se erfreu­li­chen Men­schen, man spürt es rasch. Sie wol­len nicht über­le­gen sein oder so tun, weil sie ver­in­ner­licht haben, weil sie tat­säch­lich ver­stan­den haben, dass sie es nicht sind!

Stolz ist das Schäd­lichs­te (und zugleich Lächer­lichs­te). Er gebiert Hass, Rache, Demü­ti­gung, Scha­den­freu­de, Neid: unse­re schlimms­ten inne­ren Dämo­nen. Wir wol­len nicht dar­an arbeiten!

Jetzt hab ich es allen gezeigt!” Mit die­ser spe­zi­el­len Stolz-Aus­ga­be beginnt der Teu­fels­kreis erbar­mungs­lo­ser Kon­kur­renz. Dabei sind wir alle inva­lid. Wolf­gang Ambros: A jeder is a Min­der­heit, a jedem geht was ab”. Alle haben wir mit Unter­le­gen­hei­ten und Demü­ti­gun­gen zu leben: die kön­nen an einem nagen. Wie kön­nen wir aber in unse­rem See­len­haus­halt” damit zurecht­kom­men? Goe­the nennt in den Wahl­ver­wandt­schaf­ten” den spi­ri­tu­el­len Weg beim Namen: Gegen gro­ße Vor­zü­ge eines Ande­ren gibt es kein ande­res Ret­tungs­mit­tel als die Liebe.

Spi­ri­tua­li­tät hat unver­zicht­bar auch die­se sozia­le, ja poli­ti­sche Dimen­si­on: Wel­che Früch­te zei­tigt denn mei­ne Leis­tung für Men­schen, die im Dun­keln leben? Die­se Gewis­sens­fra­ge gilt für jeden von uns!

Text: Dr. Karl-Her­bert Mandel